Harry Zingel’s BWL-Weblog

30.06.2008

Zwischenruf: Hitlers Volkszählung vom 16.03.1933

Gespeichert unter: Wider den Zeitgeist — Harry Zingel @ 9:30
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Weniges sagt über die politische Verfassung eines Volkes so viel aus wie der Zustand seines Steuerrechts. Das wurde wiedermal deutlich als mir beim Sortieren alter Unterlagen ein Grundsteuermeßbescheid für unser neues Einfamilienhaus erreicht, läßt der Text dieses steuerrechtlichen Verwaltungsaktes doch tiefer blicken als es manchem Beteiligten lieb sein kann.

Wir werden jetzt hier nicht in den Chor derer einstimmen, die Steuersenkungen fordern. Das haben wir ja anderswo längst getan. Nein, es geht um die kleinen Details, die nämlich perfekte Symptome sind. Symptome für den Stillstand und die Erstarrung im deutschen Steuerrecht, seit bald einem Menschenalter.

„Die Einordnung des Grundstückes“, so heißt es nämlich im amtlichen Text des fraglichen Steuerbescheides, erfolge „nach dem Stand der allgemeinen Volkszählung vom 16. Juni 1933“. Was Abgründe erahnen läßt, denn seit 1933 hat sich offenbar bei der deutschen Bevölkerung nichts mehr verändert. Und die Festsetzung der Steuermeßzahl i.H.v. 8 von Tausend erfolge gemäß §29 der Grundsteuerdurchführungsverordnung von 1937.

Das ist nun wirklich ein Hammer: über siebzig Jahre alte Bevölkerungsdaten, die durch Krieg, Zusammenbruch und Diktatur schon seit wenigstens 63 Jahren Geschichte sind, werden noch heute zur Grundsteuerveranlagung herangezogen. Das mag man ganz gut finden, denn würde man hergehen und das endlich mal aktualisieren, käme gewiß eine saftige Steuererhöhung heraus, doch darum geht es hier nicht: die reine Tatsache, daß man sich auf so antike Daten beruft, läßt einen Blick auf die erschreckende Versteinerung der deutschen Steuerverwaltung zu. Das ist nicht, was man von einem reformfreudigen und fortschrittlichen Land erwarten kann.

Ach ja, der Einheitswert unseres in 2004 für knapp 250.000 Euro erbauten Einfamilienhauses beträgt nach anliegendem Feststellungsbescheid 13.100 DM. Ja, D-Mark, in Preisen von 1924. So sieht ein modernes Steuerrecht aus!

29.06.2008

1. Juli: Weiterer Anstieg der Abgaben…

Gespeichert unter: Wider den Zeitgeist — Harry Zingel @ 4:57
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Über Steuern und Abgaben gibt es eine Menge volkstümlicher Meinungen, die obwohl sie oft wiederholt werden dennoch falsch sind. Dieser Artikel räumt mit einigen dieser Vorurteile auf – und kommt dabei zu wahrlich erschreckenden Ergebnissen. Die Erhöhung der Zwangspflegeversicherung zum 1. Juli ist in der folgenden Rechnung schon berücksichtigt

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28.06.2008

Industrie- und Handelskammer: Marketing ist nicht alles…

Betriebswirte gibt es viele, Betriebswirte-Lehrgänge auch. Sie werden von Universitäten, Fachhochschulen und privaten Bildungsfirmen angeboten, und von den Industrie- und Handelskammern. Deren Abschlüsse wie „Geprüfter Betriebswirt“ oder „Geprüfter Technischer Betriebswirt“ sind jedoch auffällig unbekannt. Personaler kennen oft nichtmal die Bezeichnung, sehr zur Verzweiflung der Absolventen. Was läuft hier schief?

So kann man im Forum für Betriebswirtschaft immer wieder Diskussionen über Wert und Anerkennung der hart erarbeiteten IHK-Zertifikate verfolgen, denn die Prüfungen sind seit der Einführung der neuen Prüfungsordnungen nicht eben leichter geworden. Und auch in ihrer Frühgeschichte haben die Kammerklausuren einen ständigen Anstieg des Härtegrades zu verzeichnen, wie ich versichern kann: ich bin nämlich schon seit 1991 IHK-Auftragnehmer. Ich habe also schon mehr Prüfungen gesehen als mancher Kämmerling selbst.

Ganz offensichtlich versuchen die Kammern, durch schwerere Prüfungen ihre Abschlüsse aufzuwerten. Auch wenn dabei anscheinend inzwischen eine Grenze erreicht wird so begrüßen wir diese Entwicklung doch dem Grunde nach, und begleiten die Aufgabenausschüsse und Textbandautoren zu ihrer Verzweiflung an dieser Stelle immer wieder mit kritischen Berichten zu Fehlern und Unzulänglichkeiten und Prüfungen und Lehrmaterialien. Daß diese Verbesserungswürdig sind heißt aber nicht, daß sie dem Grunde nach schlecht seien. Die kognitive Leistung, die durch eine Prüfung wie „Rechnungswesen“ oder „Finanzierung, Investition, Steuern“ (Geprüfter Technischer Betriebswirt) unter Beweis gestellt wird, ist ganz erheblich. Warum kommen die Kammerabschlüsse dann doch nicht in der Wirtschaft an?

Marketing, wir wissen es, ist nicht alles, aber ohne Marketing ist alles nichts: Das ist etwas, was die Kämmerlinge noch immer nicht gelernt haben. Wer für seine Leistung keine Marktkommunikation betreibt, der wird nicht wahrgenommen – jedenfalls in einem von Universitäten, Fachhochschulen und bisweilen auch recht guten Bildungsfirmen übersättigten Markt. Dabei haben die Kammern als neutrale Institutionen mit großer Wirtschaftsnähe eigentlich eine ideale Ausgangsposition: in keiner Hochschule, und erst Recht in keiner Bildungsfirma, habe ich den Zoll, die Außenwirtschaft und möglichst sogar noch die Bilanzkontrollstelle direkt im gleichen Hause, leichter kann die realitätsnahe Gestaltung einer Lehrveranstaltung kaum gemacht werden. Dennoch kommen die Kammern nicht rüber. Das ist schade, erfordert aber eine Restrukturierung.

Mag die Kammer anderswo hoheitliche Aufgaben wahrnehmen, im Bildungsbereich ist sie kein Parafiskus. Kammerlehrgänge sind individuell (und nicht aus Beiträgen) finanziert. Sie sind keine Sozialleistung (und schon gar kein Almosen). Die Kammer konkurriert hier mit der privaten Wirtschaft und einer zusehends vielfältigen Lernökologie. Sich dort erfolgreich zu verkaufen erfordert mehr als Flyer und Programmhefte zu drucken. Strategische Bündnisse mit anderen Anbietern, Kooperationen mit Arbeitgebern und die Ausnutzung der kammertypischen Nähe zur lokalen Politik und den kommunalen Honoratioren wären ein Anfang. Den sehe ich vielfach hier in Erfurt, kaum aber in anderen Städten.

Während mir die Hersteller von Damenbinden und Ohrenstäbchen den Gebrauch ihrer Erzeugnisse recht anschaulich während des Abendessens im Fernsehen demonstrieren, sucht man Kammerinserate oder IHK-Werbespots noch immer vergeblich. Selbst eine PR-Kampagne, die Vorurteile wie die Lehrgänge seien steuerfinanziert oder sie wären grundsätzlich wertlos abzubauen helfen, habe ich noch nicht erlebt. Das frustriert als Dozent genau wie als Prüfer. In der Wirtschaft ist „IHK-Niveau“ oft fast ein Schimpfwort, gleichwohl aber nur von denen zu hören, die es nicht selbst probiert haben.

Es bleibt der Schluß, daß man sich bei den Industrie- und Handelskammern noch immer vielerorts am Behördenbetrieb orientiert anstatt an den Prinzipien der Dienstleistungswirtschaft. Kein Wunder daß viele Menschen die Kammern als Gegner wahrnehmen, gleich nach Stadtverwaltung und Finanzamt. Das aber ist wirklich ein Konzept aus dem vorigen Jahrhundert. Ein wenig mehr Innovation und viel mehr öffentliche Kommunikation wäre wünschenswert. Nicht nur von den Dozenten, auch von den Absolventen. Bisher bieten die Kammern eigentlich eine ganz gute Leistung, aber sie können sie nicht verkaufen. Sie können überhaupt nichts verkaufen, doch das Bildungswesen ist keine Armuts- und Verteilungsgesellschaft mehr. Ein Wandel geht vor zwischen IP-Adressen und Internet-Domains, den man auf Kammerfluren noch nicht immer wahrgenommen hat. Das aber wäre höchste Eisenbahn, will die Kammer als Bildungsdienstleister bestehen.

27.06.2008

Der frühe Gockel, oder was ein »Geprüfter Betriebswirt« wert ist

Gespeichert unter: Aus- und Fortbildung — Harry Zingel @ 3:28
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Während heute zwischen Halbfinale und EM-Endspiel viele aus dem Rausch kaum herauskommen, bevorzugt der BWL-Bote eher Wein, Weib und Gesang (in der Reihenfolge) statt Bier, Mann und Gegröhle (in jeglicher Anordnung). Das sind gute Rahmenbedingungen, sich den Kopf der heute möglicherweise nicht immer voll IHK-Betriebswirte über Karrierestrategien und den Wert des Abschlusses an sich zu zerbrechen, denn diese Debatte taucht kürzlich im Forum auf. Was also ist ein IHK-Abschluß am Arbeitsmarkt wert?

Die Bewertung eines Abschlußzeugnisses ist eine Markteinschätzung, wie die jedes immateriellen Wirtschaftsgutes. Hier fällt auf, daß einige Personalverantwortliche die IHK eher abwertend betrachten („IHK-Niveau“), andere aber zunehmend mit Anerkennung davon sprechen, was in diesen Prüfungen alles verlangt wird. Meiner Beobachtung nach sind Negativurteile eher über Erstausbildungen zu hören und eher von Leuten, die keine IHK-Prüfung selbst bewältigt haben. Wer eine Kammerprüfung selbst überstanden hat, insbesondere eine Fortbildungsprüfung wie Bilanzbuchhalter, Geprüfter Betriebswirt/IHK oder Geprüfter Technischer Betriebswirt der weiß, wie heftig das sein kann. Die Neufassung der diversen Prüfungsordnungen, denen im kommenden Jahr die Bilanzbuchhalter folgen sollen, könnte eine gezielte Strategie der IHK zu Erhöhung des Marktwertes ihrer Zertifikate sein.

Unseriöse 22-Tage-Angebote fördern ferner die Ablehung der IHK-Zertifikate. Wir haben schon dargestellt, weshalb solche Spaßangebote im Bildungsbetrieb auch die Teilnehmer und Anbieter schädigen, die mit dem Ibiza-Betriebswirt gar nichts zu tun haben.

In einem Arbeitsverhältnis, also im Rahmen eines Gefolgschaftsverhältnisses, hängt der eigene Erfolg weiterhin stets auch vom Nutzen für andere ab. Doch nicht nur Politiker wollen die Menschen dumm und arm halten, auch Arbeitgeber versuchen dies mit ihren Arbeitnehmern. Sie wünschen daher keine Fortbildung ihrer Mitarbeiter, weil dies zusätzliche Lohnforderungen begründen und die eigene (oftmals dünne) Kompetenz bedrohen kann. Wer seinen Abschluß u.U. sogar gegen den Willen des Arbeitgebers gemacht hat, sollte sich hernach möglichst einen anderen Arbeitgeber suchen. Das ist jetzt ja angeblich nicht mehr so schwierig – falls der Aufschwung nicht doch mit der Bahn kommt.

Nicht unwichtig sind natürlich auch die eigenen Defacto-Qualifikationen, denn Papiere dienen oft nur der Risikoabsicherung des Personalers. Der macht alles richtig, und schützt damit seinen eigenen Schreibtisch, wenn ein eine Stelle mit der Person besetzt, die die formal richtigen Dokumente auf den Tisch legen kann. Ob der dann aber auch wirklich der Richtige ist, zeigt sich oft erst nach einer Weile – wenn beispielsweise gerade die gesuchten Fähigkeiten geboten werden. Traditionell erhöht sich der Marktwert eines Kaufmannes durch technische Fähigkeiten und eines Technikers durch kaufmännische Kompetenz, denn beides ist noch immer weithin geschieden. Aber da immer mehr Abläufe digitalisiert werden sollte der angehende Absolvent sich frühzeitig um Digitalkompetenz bemühen, denn daran mangelt es auch zu Zeiten von Windoofs Vista noch immer vielerorts. Wer jedenfalls schon in der Studienarbeit solche Fehler macht und auch mit Datenbanksystemen und Programmiersprachen keine kaufmännischen Probleme abbilden kann, verbaut sich lukrative Betätigungsfelder im Dunstkreis von Microsoft® Navision® oder SAP® R/3.

Schließlich sind, auch das sollte man anmerken, IHK-Abschlüsse kaum etwas für Selbständige, denn die müssen Dinge können aber meist nicht dokumentieren. Mein eigenes Universitätsdiplom aus dem Jahre des Heils 1988 ruht sanft im Frieden einer dunklen Ledermappe, aus der es nie entsteigt, weil keiner die eigentlich ausgezeichneten Noten darauf sehen will, denn ich habe viele Verhältnisse aber kein Arbeitsrechtsverhältnis. Ich muß als Selbständiger nichts beweisen. Dafür bin ich (als Vorturner… eh, freier Dozent) der, der fristlos fliegt, wenn meine Verkäufertruppe keine Lust hat, die Prozentrechnung zu lernen.

Natürlich kann man zur Abwechslung auch mal versuchen, positiv zu denken. Das ist in der derzeitigen wirtschaftlichen Lage für Betriebswirte gewiß nicht einfach, besteht aber auch für diese im Schreiben von Initiativbewerbungen möglichst schon vor Erreichen des begehrten Beleges erfolgreichen Lernens, denn man kann auf diese Weise seinen eigenen Marktwert testen – und bei Erfolg den bisherigen Arbeitgeber unter Druck setzen. Es wird ja immer wieder behauptet, daß das jetzt besser als früher gehe, aber es erfordert in aller Regel eines: Mobilität. In einer globalisierten Wirtschaft wird gerade von Technikern geographische Beweglichkeit verlangt: Dubai würde kaum ohne deutsche Techniker funktionieren, und zwischen Shanghai und Pudong gäbe es keinen Transrapid. Wer also bereit ist dahin zu gehen, wo Genehmigungsverfahren deutlich weniger als 24 Jahre dauern, der endet also nicht in Stuttgart Obrigheim, und überhaupt nicht in Deutschland, wohl aber u.U. in der Kerntechnik, die nämlich im Rest der Welt überall ausgebaut wird. Wer aber durch Haus und Hof am Ort gebunden ist, verringert seinen Marktwert drastisch. Jedenfalls im Arbeitsverhältnis.

„Der frühe Gockel“, so (oder so ähnlich) weiß ein altes Sprichwort, „kriegt den Sex“. Das gilt auch für IHK-Abschlüsse, denn an sich sind die gar nix wert. Sie haben nur einen Marktwert, und wenn der Markt nix (mehr) wert ist, dann kommt der Kammerpreisträger eben zu einem wertvolleren Markt. Bayern oder Beijing, Bonn oder Bombay – wer das kann, der macht was draus. Wer es nicht kann, der bleibt und schreibt. So einfach ist das: Wettbewerb endet nicht mit dem Zertifikat, sondern beginnt da erst. Selbst im ordnungsgemäß betonierten deutschen Arbeitsmarkt…

21.06.2008

Latein in der Schule: vom modernen Nutzen einer alten Sprache

Gespeichert unter: Aus- und Fortbildung — Harry Zingel @ 9:43
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Mit Überraschung habe ich die heftigen Diskussionen zur Kenntnis genommen, die sich um meine Forderung nach mandatorischem Lateinunterricht aus dem ordoliberalen Manifest entwickelt hat. Während etwa mein Postulat, der Staat solle nur ein Nachtwächter sein, sonst viel eher intensive ideologische Auseinandersetzungen produziert, erregte der Laterinunterricht diesmal viel größeren Widerspruch. Aber weshalb?

Transeamus usque Bethlehem…

weiß das Weihnachtslied, lasset und hinübergehen nach Bethlehem, um dort nämlich das geborene Jesuskund zu bewundern. Als conjunctivus adhortativus deutet „transeamus“ eine Aufforderung an, und der Lateiner kennt natürlich die Infinitivform, transire, hinübergehen (aus trans-, „hinüber“, und „ire“, gehen), und das ist, wo das Jesuskind mit der Elektronik und auch der Betriebswirtschaft zu tun kriegt, denn der Transistor ist ein Teil, in dem Elektronen von der P-Schicht in die N-Schicht wechseln (oder eben auch nicht), und transistorische Posten sind solche, in denen Zahlungen vor dem Abschlußstichtag in Aufwendungen oder Erträge nach diesem Tag hinübergehen, und das ist der Regelungsgehalt von §250 HGB, ein Rechnungsabgrenzungsposten also. So hilft das alte Latein, ganz moderne technische oder kaufmännische Zusammenhänge intuitiv zu verstehen.

Keine tote Sprache

Das Beispiel demonstriert, weshalb Latein eben nicht so tot ist, wie immer behauptet, denn es steckt in einer Menge Fremdworte, ist also gleichsam eine indirekt lebende Sprache. Wer Latein beherrscht, braucht daher in aller Regel kein Fremdwörterbuch mehr, weil er nahezu alle gebräuchlichen Fremdwörter aufgrund ihrer lateinischen Wurzel versteht.

Auch für moderne Fremdsprachen nützlich

Das gilt insbesondere auch beim Lernen moderner Fremdsprachen, und nicht nur der romanischen Sprachen (Italienisch, Französisch, Spanisch aber auch Rumänisch), sondern genauso Englisch: überall, wo einst die Römer herrschten, hinterließen sie auch sprachliche Spuren, die sich in einer Unzahl eigentlich lateinischer Worte auch in Englisch niederschlagen. So verstehe ich zwar kein Wort französisch, weil ich mit deren Aussprache nicht klarkomme, kann aber relativ problemlos französische Zeitungen mindestens verstehen, weil so viel im Französischen lateinischen Ursprungs ist, und mit italienisch ist es nicht anders.

Moderne Wissenschaftsterminologie

In der Sprache der Wissenschaftler, gleich welcher Muttersprache sie sind, gilt das noch viel mehr, denn eine Menge der wohlklingenden Begriffe, mit denen Wissenschaftler Unwissende von ihrem Fach fernhalten wollen, sind oft lateinischen Ursprunges. So ist eine Erklärung der Wirklichkeit bei den Soziologen eine Realexplikation, ein Begriff, den der Unkundige erst nachschlagen muß, den der Lateiner aber sofort versteht. Der Zugang zu wissenschaftlicher Literatur erschließt sich dem Altsprachler also viel leichter, oder das Lernen ist produktiver, weil einmal Gelerntes in vielen Zusammenhängen nützlich ist.

Ein böser Verdacht

Das alles bringt mich zu einem Verdacht, der dem derzeitigen Schulsystem dieses Landes wenig schmeichelt, sollte er sich bewahrheiten. Denn unser Transeamus-Beispiel hat gezeigt, daß Latein nur dem hilft, der Transferfähigkeit besitzt, der also, wie im Beispiel gezeigt, die Brücke vom Weihnachtslied zur Elektronik oder Betriebswirtschaft schlagen kann. Sprachen werden seit den 70er Jahren aber selbst im Erwachsenenunterricht immer mehr induktiv und immer weniger deduktiv gelehrt, also durch Nachsprechen und Auswendiglernen statt durch Lernen und Einüben der Grammatik und Vokabeln und durch Erkennen und Verstehen von Ähnlichkeiten. Manche Sprachlehrer versuchen gar ganz auf Grammatik zu verzichten, und erst Recht auf Herkunftslehre: „Transistor“ und „transistorisch“ erscheinen im Geist des Lernenden dann als selbständige Einheiten, und nicht mehr als zwei Erscheinungsformen derselben, nur einmal zu lernenden Grundtatsache („transire“).

Fundamentale Defizite

Es wundert nicht, daß daher auch immer mehr Lernende nicht mehr fähig sind zu erkennen, daß ein Ergebnis von 20% in einer Rechnung und 1,2 in einer Anderen in ihrer Funktion dasselbe sein könnten, nämlich Kalkulationsfaktor und Zuschlag, beide geeignet zur Vollkostenrechnung: es wird nur noch auswendig gelernt, nicht mehr verstanden. Während die Induktivmethode für den Sprachunterricht bei Jugendlichen oder Erwachsenen nämlich untauglich ist, und das Erlernen einer Fremdsprache erheblich erschwert, dient sie im theoretischen Unterricht dem Fördern des Erkennens von Zusammenhängen, dient also dazu, Erkennen und Fähigkeiten aus grundlegendem Wissen auszubilden. Auch wenn also solche Zahlenbeispiele mit Latein nichts zu tun haben, so würde ein im Kindesalter begonnener grundlegender Lateinunterricht, gefolgt von deduktiver Vermittlung moderner Sprachen wie Englisch oder Französisch, doch das diesbezügliche Denkvermögen massiv fördern – und zwar auch in ganz anderen Bereichen. Latein ist damit eine Art studium generale fürs Leben, denn vitae sed scholae discimus, nicht für die Schule sondern fürs Leben lernen wir. Es erhebt sich die Frage, weshalb man dieser an sich simplen Einsicht nicht folgt und immer mehr für die Katz lernt?

Verdeckte Absicht

Konnte man die gleichmacherischen Gesamtschulexperimente der Sozialdemokraten vor 30 Jahren („Mengenlehre“ statt Einmaleins) noch dem Versuch einer Kulturrevolution im damaligen Westen zuordnen, so sollte man überlegen, wer heute von solchen Zuständen profitiert. Und hier drängt sich der Verdacht auf, daß ein nicht mehr selbst denkender Bürger dem Politiker durch weniger Kritik und mehr Ruhe entgegenkommt. Auch politische Zusammenhänge können nämlich verdeckt sein, beispielsweise der zwischen Klimahysterie und Finanzwirtschaft. Je weniger hier mitgedacht wird, desto mehr Macht können die Politiker ausüben und desto weniger Widerstand haben sie zu erwarten. Kein Wunder also, daß von Bildung nur schwadroniert wird, dafür aber auf Euro komm raus gekürzt und gekappt wird. Ruhe ist erste Bürgerpflicht, und die Umgestaltung des Bildungswesens soll dies befördern – im Untertanenstaat, heute wie einst im alten Preußen, nunc et sempre…

18.06.2008

Studiengebühren und Elitebildung: über die heiligen Kühe des Sozialismus

Nachdem in Hessen diese Woche die Studiengebühren wieder abgeschafft wurden, freilich nur wegen eines Formfehlers und nicht wegen des politischen Willens, dies zu tun, ist die Diskussion um die Erhebung von Studiengebühren wieder voll ausgebrochen, was nicht wundert, denn Benutzungsgebühren für einst steuerfinanzierte Leistungen des Staates zu verlangen, liegt im Trend der Kürzung und Verknappung. Dennoch ist die Diskussionslage hier unübersichtlicher als bei reinen Abzockeprojekten wie der Maut oder den Emissionszertifikaten. Dieser kleine Artikel bietet Argumentationshilfen für Gegner wie für Befürworter.

Das Argument der Chancengleichheit

Es ist kaum von der Hand zuweisen, daß Studiengebühren das Studium für Kinder armer Familien unerreichbar machen können. Und das Argument der Befürworter, daß für diese Studierenden Stipendien aus der Industrie zur Verfügung stehen, verfängt in Deutschland nicht, denn hier gibt es keine so ausgeprägte Förderlandschaft wie etwa in den USA. Viel bedeutsamer ist da schon das Argument, daß schon jetzt beiweitem keine Chancengleichheit bestehe: Muß Sohnemann zum Studieren in eine andere Stadt, was der Regelfall eher als die Ausnahme ist, dann scheitert das Studium oft schon an den Kosten für Unterkunft und Verpflegung – von Büchern, einem Laptop-Computer und anderen Notwendigkeiten mal ganz zu schweigen. Die öffentliche Bafög-Förderung deckt das lange nicht ab, und selbst dann würde ein Bafög-geförderter Student mit hohen Schulden ins Berufsleben starten. Wir müssen also endlich erkennen, daß der sozialistische Traum von der Chancengleichheit für alle schon jetzt eher eine Lebenslüge als irgendeine Realität ist; aber müssen wir die zweifellos bestehende Ungleichheit durch zusätzliche Gebühren noch verschärfen? Kognitive Leistungen, die etwa bei einem Aufnahmetest nachzuweisen wären, sind schon jetzt – leider! – kein Maß der Studienförderung; müssen wir aber eine finanzielle Selektion einführen?

Gemeinwohl und amtliche Lügen

„Milliarden“ wollte er in die Bildung stecken, schwadronierte einst Bundeskanzler Schröder höchstpersönlich, wobei Bildungsfirmen wie Hochschulen sich fragen, wann diese Gelder denn nun kommen. Und Merkel ist mit der geplanten Abschaffung der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Schulgeldern um keinen Deut besser. Die Erhebung von Studiengebühren muß da wie Hohn erscheinen: Aufgaben des Gemeinwohls sollten auch mit Steuermitteln finanziert werden, meinen die Gebührengegner, aber nichts dergleichen ist inmitten von Streichkonzerten und Kürzungsorgien zu sehen. „Geist ist geil“ hieß es daher bei den Studentenprotesten vor drei Jahren, und diese Proteste richteten sich pikanterweise gegen die Politik der zu Macht, Geld und Korruption gelangten Alt-68er, die ihrerseits selbst als protestierende Studenten angefangen hatten: nichts zeigt die Widersprüchlichkeit der gegenwärtigen Debatte deutlicher als das!

Der absurde deutsche Provinzialismus

Der jahrhundertealte „deutsche Flickenteppich“ lebt heute in der deutschen Bildungspolitik fort, die bekanntlich von den Ländern gemacht wird, einer Spätfolge des zweiten Weltkrieges, Hitlers Schatten ist lang. Ulf Merbold sagte einst, es sei leichter, in das Weltall zu fliegen als als Lehrer von einem Bundesland in ein anderes versetzt zu werden. Das wird durch Studiengebühren nicht besser, denn bekanntlich wollen nur die CDU/CSU-regierten Länder solche Gebühren einführen. Gibt es also bald einen Studententourismus in SPD-Länder, und Studienplatzwechsler nach dem Wahlergebnis der Landtagswahl?

Der Student als Kunde

Was nichts kostet, ist auch nichts wert, weiß der Volksmund, und es wundert daher nicht, daß es manche Studis an Begeisterung für das Studium fehlen lassen, denn es ist kostenlos und genau deshalb oft auch umsonst. Würde man also eine Gebühr erheben, so die Befürworter der Studiengebühren, hätte das auch eine Qualitätssteigerung der Lehre zur Folge, weil die Studenten als zahlende Kundschaft fordernder auftreten und schon durch Abwanderung die finanziellen Mittel der Hochschule beschneiden könnten – was freilich voraussetzt, daß die Mittel aus den Gebühren auch den Hochschulen zugutekommen, und nicht in den allgemeinen Staatshaushalt veruntreut werden. Da genau dies aber auch mit den Mitteln aus der Maut zu erheblichen Teilen geschehen soll bleibt abzuwarten, ob die Universitäten auch wirklich etwas von den Gebühren abkriegen.

Rating für Leerkörper

In diesem Zusammenhang könnte auch ein Rating für Professoren, Dozenten und andere Mitarbeiter eingeführt werden, was die Basis für eine leistungsgerechte Bezahlung sein könnte – Klausurarbeiten würden plötzlich schneller korrigiert und Sprechstunden bei Bedarf abgehalten und Verwaltungsmitarbeiter wären auf einmal freundlich und hilfsbereit. Ich könnte da von meiner eigenen Studentenzeit so manche üble Geschichte erzählen. Auch könnte ein wenig Pädagogik manchem gestandenen Beamtenprofessor nicht schaden – und Studiengebühren wären ein wirksames Vehikel, dieses zu erreichen.

Elitebildung als Folge

Eine logische Folge wäre aber auch, daß einige Universitäten und Fachhochschulen im Wettstreit obsiegen und andere verlieren: an der Höhe der Gebühren könnte man das Niveau der jeweiligen Lehre ablesen und entsprechende Entscheidungen über den Studienort treffen: bessere Hochschulen sind teurer, garantieren aber auch einen besseren Karrierestart für erfolgreiche Absolventen. Jeder könnte sich für seine Präferenz entscheiden – wo bislang nur halboffizielle Rankings bei den Personalern kursieren, die die Studis bei Studienbeginn nicht kennen, so daß sie oft erst nachher merken, am falschen Ort studiert zu haben. Dies freilich wäre der definitive Einstieg in die Elitebildung, die in Deutschland seit den sozialistischen Bildungsexperimenten der damaligen SPD-Regierungen der 60er und 70er Jahre verpönt ist. Man müßte also auch diese heilige Kuh gleichmacherischer deutscher Bildungspolitik endlich schlachten. Neid ist aber die Wurzel des Sozialismus – auch hier, denn Neid ist der letzte Beweggrund, Hochbegabten eine angemessene Förderung bis heute konsequent zu verweigern. Das Problem ist also tiefgreifender als die derzeitige oberflächliche Diskussion vermuten läßt.

Enge Verzahnung mit der Industrie

Nun haben wir das Problem der Förderung finanzschwacher Studienanwärter nicht gelöst, und auf den Staat zu vertrauen wäre wohl mehr als naiv. Also muß die Wirtschaft einspringen, denn der Unternehmer ist, wie wir seit Winston Churchills berühmtem Wort wissen, der Esel, der den ganzen Karren zieht. Das würde aber nicht ohne Eigeninteressen abgehen, was heißt, daß die größten Förderer sich Einfluß auf die Lehrpläne auserbeten würden. Damit würde aber eine weitere heilige Kuh geschlachtet, die von der zweckfreien Forschung, der Universität als Spielwiese. Auch das ist so eine rote Mär, der bis heute Politiker und manche Professoren anhängen. Daß aber nichts im Leben zweckfrei ist, und Wissenschaft immer den Zweck hat, die Macht des Menschen über die Natur zu erhöhen und damit den Fortschritt zu befördern, wird im deutschen Ökosozialismus noch geleugnet, aber vielleicht nicht mehr lange. Immerhin würde ein erfolgreicher Stipendiennehmer dann am Ende des Studiums auch einen sicheren Arbeitsplatz haben – etwas, was in den USA ganz selbstverständlich ist.

Zurückgefallen im internationalen Wettbewerb

Das bringt uns zu dem gewichtigsten Argument der Gebührenbefürworter, daß die Deutschen nämlich längst im internationalen Wettbewerb zurückgefallen sind, und man diesen Rückstand nur durch Eliteförderung aufholen könne: das Land der Dichter und Denker, das bei der PISA-Studie versagt hat, fällt auch zunehmend in der Berufs- und Hochschulbildung zurück: Raumfahrt, Verbrennungsmotor, Elektromaschinen, Chemie und Werkstofftechnik: was haben deutsche Erfinder der Welt alles geschenkt, bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Was aber tragen deutsche Wissenschaftler heute noch zur internationalen Forschungslandschaft bei? Treibhauszertifikate und Krötentunnel. Andere schauen in den Weltraum, wir in des Nachbarn Mülltonne. Aber können wir diesen Mißstand durch Studiengebühren beheben – oder brauchen wir nicht doch einen radikalen Regimewechsel?

17.06.2008

Sch***-Fußball…

Gespeichert unter: Harry's log — Harry Zingel @ 8:10
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OK, ich bin ein Spielverderber. Ich gebe es ja zu. Aber ich kann wie immer die Klappe nicht halten. Das hier muß einfach mal raus…

Heute morgen ausnahmsweise mal eine Nachrichtensendung geguckt. Normalerweise sehe ich kein fern, habe nichtmal einen Fernseher. Aber sechs Rechner und das Netz, also auch ganz viele TV-Programme. Denen bleibe ich normalerweise schon wegen des dummen und entnervenden Werbegeblubbers fern, aber heute morgen kam noch der Brüllaffe aus der Sportreporter-Loge hinzu. Da macht man einmal eine Ausnahme von der langjährigen Fernsehabstinenz, und dann sowas. Erschreckend das.

Und erst die inhaltliche Seite… grausel: ja gibt es denn keine neue Diktatur? Nicht einen netten, kurzweiligen Krieg? Wenigstens eine gute Flugzeugentführung mit Unterhaltungswert, über die die Nachrichtenredaktionen berichten können? Nein, zwei Drittel der Propagandasendung bestehen aus Fußball. Erdbeben, Verbrechen, Klimaschwindel oder einfach das tägliche, primitive Parteiengezänk, nein, das alles interessiert nicht, wenn das runde Leder über den Brüllballplatz rollt. Schon der röhrende Hintergrundsound macht mich ganz kirre.

Grausel!

Nein, im Ernst: ein Zeichen einer tiefgreifenden Krise, wenn Sport wichtiger ist als Politik, Wirtschaft und meinetwegen noch die Kunst. Der Aufschwung kommt mit der Bahn, also hängen die Leute am Fußball, entweder live oder vor den Bildschirmen. Brot und Spiele, in der Version der Neuzeit.

15.06.2008

»BWL CD Audio«: Kaum zu fassen…

Gespeichert unter: Harry's log — Harry Zingel @ 3:49
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Ich bin geplättet. Mir fällt die Kinnlade runter, was bei mir doch eher selten vorkommt: seit heute morgen ist die neue BWL CD Audio verfügbar. Es ist Fußball-EM, es ist Sonntag – und ich habe auf einen ruhigen Start gehofft, wohl aus früheren Buchstarts wissend, wie heftig sowas werden kann.

Nun, es wurde heftig. Heftiger als jemals erwartet.

Ich brenne und klebe Umschläge und meine Frau schleppt sie zu den Briefkästen: der kleine Gelbe vorne in an der Hauptstraße ist unbenutzbar, weil voll. Hinten in dem Altbau-Wohnviertel gibt es einen großen Standbriefkasten, so die Sorte, wo der Postsack gleich drinhängt. Den füllen wir jetzt, mal sehen wie weit. Mal sehen, ob und wenn ja wann ich heute Ruhe finde.

Meine Studenten mögen das Fach „Marketing“ manchmal nicht. Ich schon. Und heute weiß ich noch besser, warum :-)

14.06.2008

Wissen, Können und Erkennen, oder von der Treppe, die zum Prüfungserfolg führt

Immer wieder haben wir uns im BWL-Boten darüber ausgelassen („selbstverherrlicht„), daß es zum Erfolg keinen Lift gebe, sondern immer die Treppe benutzt werden müsse. Grundlage all dieser Überlegungen ist meist mein Lehrkonzept, in dem Wissen, Können und Erkennen als die drei grundlegenden Ebenen des Lernens dargestellt wurden. Wie aber manifestiert sich das in einer Prüfungsfrage?

Wissen

Die Wissensfrage prüft Kenntnisse, also inwieweit ein Prüfungsteilnehmer über Einblick, Überblick, Kenntnis oder Vertrautheit mit dem Prüfungsgegenstand verfügt. Die Wissensfrage ist damit häufig reproduktiv. Sie setzt, falls Einblick oder Überblick ausreichen, Auswendiglernen voraus. Das ist in juristischen Prüfungen besonders häufig, denn Rechtswissenschaftler müssen eine große Vorschriften- und Rechtsprechungskenntnis besitzen – und wagen oft keine eigenen Interpretationen, denn diesen könnte in Zukunft von einem Gericht widersprochen werden, was die mühsam erstellte Prüfung ad absurdum führten würde. Im Bereich der allgemeinen BWL sind eher Fragen wie „Was bedeuten diese Abkürzungen?“ oder „Nennen Sie die an einem Akkreditiv Beteiligten“ solche Fälle. Fragt ein Aufgabenpoet nach den drei Methoden, etwas zu tun, oder nach den vier Arten von etwas, dann gehört die Wissensfrage eindeutig ins Gruselkabinett der unfairen Prüfungsfragen, wenn die drei Methoden oder die vier Arten nur in einem zugrundeliegendsen Leerbrief oder Skript so eingeteilt werden und nicht universell gültig oder gesetzlich so strukturiert sind. Dieses Problem ist leider häufig.

Können

Können ist die Fähigkeit, Wissen anzuwenden. Das ist in Prüfungen heftiger und meist ein Rechenverfahren. Man kann beispielsweise die Methoden nach IAS 2.25 bzw. den §§240 Abs. 4 und 256 HGB kennen (also über Wissen verfügen), aber dies zu auch an konkreten Zahlen zu rechnen, prüft das Können des Prüfungsteilnehmers. Können erwirbt man nur durch Übung der Anwendung von Wissen. Wichtig ist hierbei, daß in dem Übungsmaterial Lernschritte sorgfältig geplant und vom Aufgabenersteller möglichst wenig Fehler gemacht werden. Auch sollte die Unterscheidung zwischen Wissen und Können klar sein – dem Fragesteller.

Erkennen

Erkennen ist die Basis für die selbständige Erweiterung von Wissen und Können. Durch Erkennen kann ein aus einer bestimmten Situation bekanntes Problem auf eine neue Sachlage angewandt werden. Wer über Erkennen verfügt ist daher in der Lage, neue, Kreative Lösungen für bislang noch nie erlebte Situationen zu finden und anzuwenden. Man spricht daher auch von Transferwissen. Dies vermittelt nicht nur einen Wettbewerbsvorteil, sondern auch die Wahrheit hinter den Lügen der Politiker, weshalb das Erkennen entgegen manch offizieller Lippenbekundung nicht sehr beliebt ist, denn es schwächt strukturelle Macht. Im Bereich von Prüfungen sind Erkennensfragen solche, die scheinbar unlösbare Probleme präsentieren, bei denen Standardlösungsansätze versagen. Solche Fragen sind meist echte Knallschoten und daher zu Recht gefürchtet. Wir haben deshalb an dieser Stelle immer wieder versucht, die Prüfungskandidaten auf solche Anforderungen vorzubereiten, aber die Phantasie der Prüfungslyriker ist nicht zu unterschätzen. Sie sind aber nicht nur eine Gefahr, denn man kann an ihnen scheitern, sondern auch eine Chance, denn man kann an ihnen auch wachsen. Was uns zum Zweck des ganzen Gesellschaftsspieles bringt…

Vom Zweck der Prüfung

Prüfungen hätten am Abend zuvor ihren Zweck bereits erfüllt – sagt man. Das freilich gilt nur, wenn die, die Prüfungen erstellen („Prüfungslyriker“, „Aufgabenpoeten“), mit einer sorgfältig ausgewogenen Mischung von Wissens-, Könnens- und Erkennensfragen und einer wohlgesetzten Reihenfolge von anfänglichen Erfolgserlebnissen und über die Dauer des Lehrganges und die Zeit der Prüfung zunehmendem Schwierigkeitsgrad für entsprechend Herausforderung aber eben auch für sicht- und fühlbaren Erfolg gesorgt haben. Bei den Industrie- und Handelskammern („Kämmerlingen“) bahnt sich ganz offenbar eine entsprechende Verbesserung an. Das gilt selbst für Detailprobleme. Mal sehen, ob andere Bildungsveranstalter mitziehen – oder ob dies den Markt tüchtig aufmischt. Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft – auch im erstarrten und verkrusteten Bildungsbereich!

13.06.2008

Wo es rückwärts vorwärts geht: über Produktivität, Knappheit und Herrschaft

Wirtschaftliche Austauschprozesse in der Gesellschaft führen gleichsam durch eine „unsichtbare Hand“ (Adam Smith) zu optimaler Faktorallokation, so eine über 200 Jahre alte Basisannahme der Markttheorie. Mehr noch führt egoistisches Handeln unintendiert zu gesamtgesellschaftlichem Nutzen (Say’sches Theorem), was inhärent auch impliziert, daß eine lenkende Zentralinstanz nicht erforderlich ist. Der Staat, so die Erkenntnis der liberalen Theoretiker, stört die Marktprozesse eher als daß er sie fördert. Er führt, technisch gesagt, zu suboptimaler Faktorallokation: teure und schlechte Güter, wie zum Beispiel in den öffentlichen Zwangsversicherungen.

Mit diesen Grundgedanken könnte man friedlich eine goldene Zukunft erleben, hätte das Marktmodell nicht einen schweren Konstruktionsfehler – einen, den die schottischen Moralphilosophen des 18. Jahrhunderts, die Konflikttheoretiker des 19. Jahrhunderts und die liberalen Denker des 20. Jahrhunderts noch nicht voraussehen könnten: den Zusammenhang zwischen Produktivität, Freiheit und politischer Macht.

Produktivität ist allgemein das Verhältnis aus Faktoroutput und Faktorinput. Durch technisch-wissenschaftliche Verbesserungen der letzten Jahrhunderte können immer weniger Arbeiter und immer bessere Maschinen mit weniger Kapital, Zeit und Rohstoffen mehr und immer mehr und immer bessere Güter erzeugen. Die Produktivität korreliert daher hochgradig mit dem Bruttoinlandsprodukt, und mit der wirtschaftlichen Freiheit: kann man nämlich produktiver mehr und besser leisten, so kann man auch mehr besser leben: mehr Menschen, höherer Lebensstandard. Konnten vor wenigen Jahrhunderten nur wenige sich eine Reise nach Italien leisten (z.B. Goethes berühmter Weg ins Land, wo die Zitronen blühen), kann heute jeder Sozialhilfeempfänger den Sommer auf Mallorca verbringen. Das Taxi zum Flughafen kostet mehr als der anschließende Billigflug. So buchstabiert sich aber nicht nur wirtschaftliche-, sondern auch politische Freiheit, denn diese ist nicht nur die Freiheit des Andersdenkenden (Rosa Luxemburg), sondern auch die Freiheit der individuellen Wahlhandlungsfreiheiten. Welche viel mit Energie, Mobilität und geographischer Beweglichkeit zu tun haben.

Politische Freiheit ist damit immer auch die Abwesenheit von Armut, denn wer an Mangel leidet, kann seine Bedürfnisse nicht befriedigen. Knappheit als Grundphänomen der Wirtschaft war aber immer auch ein Herrschaftsmittel mehr oder weniger totalitärer Staaten, die ungeliebten Subjekten Güter und damit wirtschaftliche Wahlhandlungsfreiheiten als Strafe oder Unterdrückungsmaßnahme entzogen. Das Gefängnis ist nur die heftigste Form der Unfreiheit. Allgemein kann Unfreiheit aus wirtschaftlicher Sicht als hochgradige Knappheit und Freiheit als Abwesenheit von Knappheit definiert werden.

Knappheit ist aber stets auch der Grund für politische Herrschaft, denn nur wer bei einer zentralen Instanz um Erlaubnis nachfragen und um Güter betteln muß, ist beherrschbar. Die Politik zieht aus der Aufgabe der gesellschaftlichen Allokation ihre Existenzberechtigung: Bezugsscheine müssen verteilt, Rationen vergeben und Sparmaßnahmen festgesetzt werden. Wer hingegen eigene Ressourcen nutzt und niemanden fragen muß, hat eigene Wahlhandlungsfreiheiten, ist also weniger beherrschbar. Er ist frei. Die Zunahme der Produktivität hat also seit Jahrhunderten auch eine inhärente Zunahme von Freiheiten bewirkt. Und genau hier liegt ein großes Problem.

Mit dem technisch-wissenschaftlichen Fortschritt steigt die Produktivität und mit ihr sinken Knappheit und Not, denn der Mensch lernt immer besser, sich die Erde untertan zu machen, also zugleich individuelle Wahlhandlungsfreiheiten zu entwickeln. Das ist genau die Prognose der optimalen Faktorallokation, die zugleich gerade auch eine Optimierung von Freiheiten darstellt. Das aber raubt der politischen Herrschaft auf Dauer die Basis, denn plötzlich gibt es keine Bezugsscheine mehr zu verteilen und Sparmaßnahmen mehr zu verhängen. „Stell Dir vor es ist Politik und keiner geht hin“: was aber macht ein begnadeter Staatslenker, den keiner mehr braucht? Geht er in den unverdienten, gleichwohl aber goldenen Ruhestand?

Wohl kaum: er macht Krieg, oder „Umweltschutz“, denn beides verknappt und schafft neue Not. Da das traditionsreiche kriegsbasierte Herrschaftsmodell heute aber bedauerlicherweise nicht mehr richtig geht, jedenfalls nicht mehr in Europa, muß der Umweltschutz her. Dieser ist das aktuelle Herrschaftsmittel, denn die diversen Umweltschutzvorschläge greifen nicht umsonst die Energieversorgung des Landes an: Produktivität ist weitgehend eine Funktion der Energiedichte, d.h. über je mehr und je dichtere Energie eine Wirtschaft verfügt, desto produktiver ist sie, und desto freier sind die Menschen. Und desto weniger brauchen sie die politischen Parasiten. Das ist, wo die Angst ins Spiel kommt.

Angst nämlich ist ein sekundärer Herrschaftsmechanismus. Durch Angst kann man Menschen gegen ihren Willen zu einem Tun oder Unterlassen bewegen, also Macht ausüben. Das weiß schon jeder Erpresser, der die Angst seines Opfers in Geld verwandelt, doch auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene ist es nicht anders: Haben die Leute heute keine Angst mehr vor den Teufeln, den Franzosen, den Juden oder den Russen, so müssen sie tüchtig Angst vor der Klimakatastrophe haben. Alle wollen bekanntlich zurück zur Natur, aber keiner zu Fuß: macht man den Menschen glauben, der Weltuntergang stehe unmittelbar bevor, so hören sie auf, weiter nach höherer Produktivität und mehr Macht über die Natur zu streben. Produktionsfaktoren werden wieder knapper und die Herrschaft wird stabiler. Kein Wunder also, daß die United Nations den Weltuntergang jetzt auf das Jahr 2020 festgesetzt haben: wir können zwar nicht das Wetter für drei Wochen vorhersagen, aber wir wissen natürlich ganz genau, daß in 2020 die große Klimakatastrophe kommt. Nur Jehovas Zeugen sind noch besser bei solchen Untergangsprophezeiungen. Je mehr der „Klimawandel“ geglaubt wird, und je mehr Angst man davor hat, desto wirksamer lassen sich die Energieversorgung, die ihr folgende Produktivität und damit die wirtschaftlichen Freiheiten einschränken und politische Herrschaftssysteme stabilisieren. Genau das beobachten wir derzeit in der EU.

Diese will bekanntlich bis zum Jahr der Treibhauskatastrophe den Anteil „erneuerbarer“ Energien auf 20% (30%? 40%?) zwangserhöhen und zugleich aus Kohleverstromung wie aus Kernenergie aussteigen – und möglichst noch Verbrennungsmotoren gleich mitverbieten. Es ist daher unschwer zu prognostizieren, daß Heizenergie und Mobilität bald nur noch auf Rationierungsschein erhältlich sein werden, also die ökonomische Befreiung der letzten 200 Jahre in kurzer Zeit zurückgedreht werden soll. Keine Flugreisen mehr, kein Winter im warmen Süden, keine freie Fahrt für freie Bürger, keine ökonomischen Wahlhandlungsfreiheiten mehr. Wir beobachten, in einem Wort gesagt, die Rückkehr von Knappheit, Armut, Not und damit von politischer Herrschaft. Wir sind also da, wo es rückwärts vorwärts geht.

Der Umweltschutz, oder besser was man dafür hält, wird ganz offenbar das große Thema des 21. Jahrhunderts, wie der Krieg das Thema des vergangenen Jahrhunderts war. Nach dem Ende der religiösen Herrschaft des Mittelalters hatten praktisch alle Herrscher seit Napoleon sich auf Staatsterror als wesentlichen Machtmechanismus festgelegt, was in Auschwitz und Hiroshima zum schrecklichen Ende kam. Im sogenannten „Kalten Krieg“ hat man binnen nur fünfzig Jahren eingesehen, daß dieses Modell wirklich keine Zukunft hat. Jetzt wird man voraussichtlich mehr als fünfzig Jahre brauchen einzusehen, daß die Beschränkung technisch-wissenschaftlichen Fortschrittes unter ökologistischem Vorwand noch weniger Zukunft hat. Natürlich ist der Treibhauseffekt menschengemacht: er ist von den Menschen gemacht, die von ihm leben, nämlich den Politikern und den von ihnen gutbezahlten Wissenschaftlern, also den Parasiten. Brachte uns der „Kalte Krieg“ noch zum Mond, also in eine Phase technisch-wissenschaftlicher Entwicklung, die wenngleich auch kriegsgetrieben doch die Freiheiten erhöhte und das Leben verbesserte, so steht nunmehr eine Epoche der nachhaltigen Stagnation und des Rückschrittes an. Jetzt beginnt die Öko-Zeit. Die Periode, in der es rückwärts vorwärts geht. Die Rückkehr von Knappheit, Not und Armut. Die fetten Jahre, so die einfache Wahrheit, sind schon vorbei. Jedes Jahr ist jetzt ein mittleres Jahr: schlechter als das vorige, aber besser als das kommende. Jedenfalls dann, wenn wir die politische Kaste ungebremst gewähren lassen.

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