Harry Zingel’s BWL-Weblog

12.11.2008

Die brennende Bibliothek, oder warum das Internet der Bildung schadet

Während einige einstige Science Fiction Visionen wie billige und überall verfügbare Energie oder die Besiedlung der Planeten sich bisher nicht materialisiert haben (und dies vielleicht auch gar nicht sollen, hat im virtuellen Raum die Zukunft tatsächlich begonnen: alles Wissen der Welt, die großen Bibliotheken der Nationen, werden online verfügbar. Einst verborgenes Wissen ist nur noch einen Mausklick entfernt. Nichts geschieht mehr isoliert an einem Ort sondern alles stets global und offen für alle. Doch nützt das auch der Bildung? Schauen wir mal etwas näher hin.

Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Flüge mit der Air India: acht Stunden Verspätung, drangvolle Enge an Bord, wenig Essen – aber 30 kg Bordgepäck (!) wurden akzeptiert. Ohne Mehrkosten. So wuchtete ich Bücher, die damals nur in Indien zu bekommen waren, in meine rasch wachsende Bibliothek hier in Deutschland, damals unbezahlbar im Einzelversand per Paket. Heute aber wären solche Kofferkraftakte überflüssig, denn die alten Texte gibt es längst in ausgezeichneten Ausgaben (mit Original-Sanskrit, Interlinear-Übersetzung und Kommentaren) im Netz. Und die Bücher können aus Delhi bestellt werden. Harte Zeiten für Makler: deren Wissensvorsprung schmilzt im Netz wie Butter in der Sonne. Was aber hat uns das gebracht?

Man könnte meinen, daß die jederzeitige Verfügbarkeit von Wissen zu einem gewaltigen Fortschritt an Bildung geführt hat, doch das scheint immer mehr ein Irrtum zu sein. Nach wie vor gibt es eine Menge Schüler, die nichtmal die Prozentrechnung beherrschen, und Lehrgangsteilnehmerkommentare wie „warum diktieren Sie uns nicht einfach etwas?!“ (von Erwachsenen gehört!) lassen tief in die Denk- und Lernfaulheit unserer Zeit blicken. Die Wikipedia auf vier DVD-ROMs kann dagegen anscheinend nicht helfen: man hat gewaltige Datenmengen jederzeit parat, aber nutzt sie nicht. Die reine Verfügbarkeit von Wissen nützt also offensichtlich nichts.

Mehr noch als die Unbildung in Einzelfällen offenbart sich die Denkfaulheit und Bildungsferne unserer Zeit in der Rückkehr des primitiven Aberglaubens in einer „modernen“ Form. Deutsche Wissenschaftler ebneten einst den Weg zum Mond aber heute glaubt das Volk willig an Waldsterben, Ozonlöcher und Klimaschwindel und läßt sich nicht minder willig im Namen der Planetenrettung abzocken. Angst aber haben nur Unwissende – und das selbst nachdem der Klimaschwindel-Film sogar im deutschen Fernsehen lief. Noch immer hinterfragt niemand, warum man keine Wettervorhersage für drei Wochen aufstellen kann aber genau weiß, was in hundert Jahren mit dem Klima los ist, nach wie vor werden die haarigsten Öko-Legenden zu harter Währung in unserer grünen Demokratur. Der Klimaschwindel ist geradezu ein Paradebeispiel für die generelle Unbildung, denn nur ein dummes Volk ist leicht regierbar und ohne Widerstand besteuerbar. Niemand will wirklich Bildung und Kompetenz, denn dann würden zu viele unbequeme Fragen gestellt werden.

Die rasant wachsenden Datenmengen bleiben Information. Sie werden nicht zu Wissen und schon gar nicht zu Bildung, denn Bildung ist bedeutungsvolle Information. Das aber setzt voraus, Informationen einordnen und in ihrer Wechselwirkung bewerten, also verstehen zu können. Und genau das beherrscht heute kaum noch jemand, gut daran dokumentiert, daß Auswendiglerner reihenweise durch Prüfungen fallen. Sie können nicht mehr in Analogien denken, ihnen fehlen selbst bei vorhandenem Wissen das Können und das Erkennen. Das ist bequem und gleichermaßen politisch korrekt, denn zum Erfolg gibt es keinen Lift, so wenig wie zu Bildung und Erziehung. Dies ist ein steiniger und langer Weg, der mit Altsprachen und Mathematik beginnt und erst danach zu wirklicher Bildung führt. Weniger ist mehr, möchte man meinen, weniger Datenmengen, dafür mehr Tiefenanalyse, mehr Quellenstudium, mehr Lesen. Und weniger virtuelle Oberflächlichkeit und digitalen Scheinwelten.

Wir sind, so das Ergebnis der Analyse, in der Informationsgesellschaft steckengeblieben. Zur Bildungsgesellschaft kommt man aber nicht durch höhere Bandbreiten und schnellere Prozessoren, sondern durch viel Fleiß und Verzicht, also in der arbeitsscheuen Spaßgesellschaft gar nicht. Wir haben immer mehr Bücher, aber wir besitzen sie nicht mehr wirklich. Wir erwerben nur Daten, nicht mehr aber Bildung. Die digitale Bibliothek unserer Zeit brennt, aber zeitgemäß nicht in hellen Flammen, sondern auf neue, digitale Weise: überall wirbeln Informationsfetzen herum, aber sie haben ihren inneren Zusammenhang und damit ihre Bedeutung verloren. Nicht Informationen sind nutzbar, nur Bildung und Wissen sind es. Darab aber mangelt es heute mehr denn je.

Das ist, was mich nach zwanzig Jahren Dozentendasein traurig stimmt, denn der Bildungsarbeiter ist machtlos geworden. Er muß zwar keine Aktentasche mit ein paar Kopien mehr schleppen sondern hat Tausende von Büchern in der Festplatte, aber niemand will wirklich was im Kopf haben. Doch da, und nur da, sind Daten auch wirklich nützlich. Die Bildung ist physikalisch leichter doch gesellschaftlich schwerer geworden. Wir leben wieder für Brot und Spiele, wie einst im späten Rom, als Varro die Götter in Sichere und in Unsichere einteilte, die, für die es noch einen Kult gab, und die, von denen man nur noch einen Namen hatte. Nomina nuda tenemus, ein Motto unserer Zeit. Wir haben nur noch Namen und Daten, aber keine Meisterschaft mehr darüber. Mittelalterliche Denker, die nur wenige Bücher je gelesen hatten, waren uns an Bildung und Wissen beiweitem voraus. Wir aber sind, so lernen wir im Cyberspace, nicht mehr am Anfang der Zukunft, sondern am Ende der Geschichte, denn ein Volk ohne Bildung ist ein Volk ohne Identität. Wer aber seiner Geschichte und Sprache beraubt wird, wer seine Kultur freiwillig aufgibt, gibt sich selbst auf. Nichts aber kann man derzeit mehr beobachten als diesen Identitätsverlust, der ein sicheres Indiz für eine Spätzeit ist.

16.07.2008

Die Sendung ohne Maus, oder wie wir den Anschluß mutwillig verpassen

Gespeichert unter: Aus- und Fortbildung, Prüfung — Harry Zingel @ 7:27
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Angeblich werden Milliarden in die Bildung investiert, doch das viele Geld läßt sich bislang kaum blicken. Jedenfalls nicht in der akademischen- und der Erwachsenenbildung. Aber es ist nicht nur ein Problem der Finanzmittel: auch in zeitgemäßere Lehrpläne und angemessene Prüfungen müßte investiert werden, und das ginge ganz ohne Milliarden. Schauen wir mal, wie das gehen könnte.

Legende ist der Tag, an dem mich der leitende Professor einer mir wohlbekannten höheren Lehranstalt, zugleich auch Vorsitzender des Prüfungsausschusses dabei erwischte wie ich mit einer Fünfmeter-Verlängerungssteckdose in der Hand auf dem Parkplatz der genannten Institution meinem Auto entstieg. Auf die Frage, was ich denn mit der langen Leitung in der Prüfung wolle erklärte ich wahrheitsgemäß, daß mein Laptop-Computer schließlich irgendwo Anschluß suche. Und prompt gab er also kund und zu wissen, daß Computer in Prüfungen nicht erwünscht seien. Diese seien Sendungen ohne Maus.

Diese Institution, deren Namen oder Standort ich natürlich hier nicht nenne, denn ich bin dort ja seit Jahren Auftragnehmer, vermittelt auch bis heute keinerlei Digitalkompetenz an ihre Studis, die selbst in Diplomarbeiten oft noch die gröbsten Anfängerfehler im Umgang mit der Software machen. CI-Schemata, Programmiersprachen, Datenbanken – alles Fehlanzeige. Aber mehr noch, auch die eigenständige Erarbeitung digitaler Elemente im Rahmen der Diplomarbeit darf offiziell nicht gewertet werden: wer also seine Diplomarbeit auf CD abgibt, oder gar als Teil der Diplomarbeit eine Programmiersprache selbständig erlernt und damit etwas für seinen Betrieb Nützliches herstellt, so wie kürzlich einer meiner Schützlinge aus Bad Salzungen, darf dafür nicht positiv bewertet werden, jedenfalls nicht offiziell: ein anachronistischer Zustand bedenkt man, wie teuer die kundenspezifische Anpassung („customization“) von ERP-Systemen auf dem freien Markt nun mal ist.

Das unzeitgemäße Bild setzt sich in anderen Teilbereichen fort, beispielsweise im Rechnungswesen. Diplomkandidaten einer ganz ähnlichen ebenso öffentlichen Ausbildungsinstitution, die auf FH-Niveau auszubilden beansprucht, könnte ich mit Prüfungsfragen aus IHK-Prüfungen locker kippen. Von internationalem Rechnungswesen haben die nach sechs Semestern noch kein Sterbenswörtchen gehört: die Dozenten lehren nur das HGB, und auch das eher oberflächlich. Selbst die IHK, die gebunden ist nach amtlichen Verordnungen und staatlich abgesegneten Rahmenstoffplänen zu unterrichten, ist da inzwischen viel näher an der Zeit. Ein mittelprächtiger Bilanzbuchhalter steckt seine spätere Führungskraft locker in die Tasche.

Die Globalisierung ist eine Tatsache, ob wir das wollen oder nicht. Wir müssen uns dem also anpassen, und das ist einerseits ein digitaler Vorgang, denn der einzige Ort, wo in den Betrieben heute etwas ohne Computer flüssig erledigt wird, ist die Toilette. Andererseits ist die weltweite Standardisierung des Rechnungswesens ebenfalls ein Faktum, dem wir uns anpassen müssen – schon weil Deutschland wieder mal Exportweltmeister ist, vor China, vor den großen USA, aber immer noch mit altdeutschen Rechnungslegungsvorschriften. Wer die Auszubildenden von heute nicht auf die Zustände von morgen vorbereitet, begeht einen schweren Fehler. Der Wandel muß in den Köpfen beginnen, aber dort ist er noch immer nicht angekommen. Kein Wunder also, daß der Exportweltmeister in Sachen Bildung im internationalen Vergleich immer weiter zurückfällt – eben auch im akademischen Bereich.

21.06.2008

Latein in der Schule: vom modernen Nutzen einer alten Sprache

Gespeichert unter: Aus- und Fortbildung — Harry Zingel @ 9:43
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Mit Überraschung habe ich die heftigen Diskussionen zur Kenntnis genommen, die sich um meine Forderung nach mandatorischem Lateinunterricht aus dem ordoliberalen Manifest entwickelt hat. Während etwa mein Postulat, der Staat solle nur ein Nachtwächter sein, sonst viel eher intensive ideologische Auseinandersetzungen produziert, erregte der Laterinunterricht diesmal viel größeren Widerspruch. Aber weshalb?

Transeamus usque Bethlehem…

weiß das Weihnachtslied, lasset und hinübergehen nach Bethlehem, um dort nämlich das geborene Jesuskund zu bewundern. Als conjunctivus adhortativus deutet „transeamus“ eine Aufforderung an, und der Lateiner kennt natürlich die Infinitivform, transire, hinübergehen (aus trans-, „hinüber“, und „ire“, gehen), und das ist, wo das Jesuskind mit der Elektronik und auch der Betriebswirtschaft zu tun kriegt, denn der Transistor ist ein Teil, in dem Elektronen von der P-Schicht in die N-Schicht wechseln (oder eben auch nicht), und transistorische Posten sind solche, in denen Zahlungen vor dem Abschlußstichtag in Aufwendungen oder Erträge nach diesem Tag hinübergehen, und das ist der Regelungsgehalt von §250 HGB, ein Rechnungsabgrenzungsposten also. So hilft das alte Latein, ganz moderne technische oder kaufmännische Zusammenhänge intuitiv zu verstehen.

Keine tote Sprache

Das Beispiel demonstriert, weshalb Latein eben nicht so tot ist, wie immer behauptet, denn es steckt in einer Menge Fremdworte, ist also gleichsam eine indirekt lebende Sprache. Wer Latein beherrscht, braucht daher in aller Regel kein Fremdwörterbuch mehr, weil er nahezu alle gebräuchlichen Fremdwörter aufgrund ihrer lateinischen Wurzel versteht.

Auch für moderne Fremdsprachen nützlich

Das gilt insbesondere auch beim Lernen moderner Fremdsprachen, und nicht nur der romanischen Sprachen (Italienisch, Französisch, Spanisch aber auch Rumänisch), sondern genauso Englisch: überall, wo einst die Römer herrschten, hinterließen sie auch sprachliche Spuren, die sich in einer Unzahl eigentlich lateinischer Worte auch in Englisch niederschlagen. So verstehe ich zwar kein Wort französisch, weil ich mit deren Aussprache nicht klarkomme, kann aber relativ problemlos französische Zeitungen mindestens verstehen, weil so viel im Französischen lateinischen Ursprungs ist, und mit italienisch ist es nicht anders.

Moderne Wissenschaftsterminologie

In der Sprache der Wissenschaftler, gleich welcher Muttersprache sie sind, gilt das noch viel mehr, denn eine Menge der wohlklingenden Begriffe, mit denen Wissenschaftler Unwissende von ihrem Fach fernhalten wollen, sind oft lateinischen Ursprunges. So ist eine Erklärung der Wirklichkeit bei den Soziologen eine Realexplikation, ein Begriff, den der Unkundige erst nachschlagen muß, den der Lateiner aber sofort versteht. Der Zugang zu wissenschaftlicher Literatur erschließt sich dem Altsprachler also viel leichter, oder das Lernen ist produktiver, weil einmal Gelerntes in vielen Zusammenhängen nützlich ist.

Ein böser Verdacht

Das alles bringt mich zu einem Verdacht, der dem derzeitigen Schulsystem dieses Landes wenig schmeichelt, sollte er sich bewahrheiten. Denn unser Transeamus-Beispiel hat gezeigt, daß Latein nur dem hilft, der Transferfähigkeit besitzt, der also, wie im Beispiel gezeigt, die Brücke vom Weihnachtslied zur Elektronik oder Betriebswirtschaft schlagen kann. Sprachen werden seit den 70er Jahren aber selbst im Erwachsenenunterricht immer mehr induktiv und immer weniger deduktiv gelehrt, also durch Nachsprechen und Auswendiglernen statt durch Lernen und Einüben der Grammatik und Vokabeln und durch Erkennen und Verstehen von Ähnlichkeiten. Manche Sprachlehrer versuchen gar ganz auf Grammatik zu verzichten, und erst Recht auf Herkunftslehre: „Transistor“ und „transistorisch“ erscheinen im Geist des Lernenden dann als selbständige Einheiten, und nicht mehr als zwei Erscheinungsformen derselben, nur einmal zu lernenden Grundtatsache („transire“).

Fundamentale Defizite

Es wundert nicht, daß daher auch immer mehr Lernende nicht mehr fähig sind zu erkennen, daß ein Ergebnis von 20% in einer Rechnung und 1,2 in einer Anderen in ihrer Funktion dasselbe sein könnten, nämlich Kalkulationsfaktor und Zuschlag, beide geeignet zur Vollkostenrechnung: es wird nur noch auswendig gelernt, nicht mehr verstanden. Während die Induktivmethode für den Sprachunterricht bei Jugendlichen oder Erwachsenen nämlich untauglich ist, und das Erlernen einer Fremdsprache erheblich erschwert, dient sie im theoretischen Unterricht dem Fördern des Erkennens von Zusammenhängen, dient also dazu, Erkennen und Fähigkeiten aus grundlegendem Wissen auszubilden. Auch wenn also solche Zahlenbeispiele mit Latein nichts zu tun haben, so würde ein im Kindesalter begonnener grundlegender Lateinunterricht, gefolgt von deduktiver Vermittlung moderner Sprachen wie Englisch oder Französisch, doch das diesbezügliche Denkvermögen massiv fördern – und zwar auch in ganz anderen Bereichen. Latein ist damit eine Art studium generale fürs Leben, denn vitae sed scholae discimus, nicht für die Schule sondern fürs Leben lernen wir. Es erhebt sich die Frage, weshalb man dieser an sich simplen Einsicht nicht folgt und immer mehr für die Katz lernt?

Verdeckte Absicht

Konnte man die gleichmacherischen Gesamtschulexperimente der Sozialdemokraten vor 30 Jahren („Mengenlehre“ statt Einmaleins) noch dem Versuch einer Kulturrevolution im damaligen Westen zuordnen, so sollte man überlegen, wer heute von solchen Zuständen profitiert. Und hier drängt sich der Verdacht auf, daß ein nicht mehr selbst denkender Bürger dem Politiker durch weniger Kritik und mehr Ruhe entgegenkommt. Auch politische Zusammenhänge können nämlich verdeckt sein, beispielsweise der zwischen Klimahysterie und Finanzwirtschaft. Je weniger hier mitgedacht wird, desto mehr Macht können die Politiker ausüben und desto weniger Widerstand haben sie zu erwarten. Kein Wunder also, daß von Bildung nur schwadroniert wird, dafür aber auf Euro komm raus gekürzt und gekappt wird. Ruhe ist erste Bürgerpflicht, und die Umgestaltung des Bildungswesens soll dies befördern – im Untertanenstaat, heute wie einst im alten Preußen, nunc et sempre…

07.06.2008

Der olle Willi, oder was die IHK besser kann als eine Universität

Die Welt geistig zu durchdringen und den Menschen zu unbefangener eigener geistiger Bewertung der Welt zu befähigen ist seit Wilhelm von Humboldt das oberste Bildungsziel. Dies freilich sollte schon die Schule leisten, die dies freilich spätestens seit 1945 de facto nicht mehr leistet, denn am humboldtschen Bildungsideal ausgebildete Menschen wählten einst Hitler. Das ist letztlich der Anlaß für eine nicht endenwollende Bildungsmisere, aus der die Industrie- und Handelskammern derzeit als Sieger hervorzugehen scheinen.

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28.05.2008

Diplomprüfung: gute Anfänge trotz schlechter Voraussetzungen

Gespeichert unter: Harry's log, Prüfung — Harry Zingel @ 10:34
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Alle Jahre wieder werden im Frühling an einer wohlbekannten, gleichwohl an dieser Stelle ungenannten akademischen Lehranstalt die Diplomthemen ausgegeben. Jetzt, einen Monat danach, ist die Sache in vollem Gange. Die Studis schreiben und ich fahre, denn ich besuche fast alle Studienteilnehmer in ihren Betrieben, mir die Sache mal ansehen und persönlich Tips für den Diplomerfolg geben. Solche Hausbesuche sind vom Lehrauftrag weder verlangt noch werden sie bezahlt, gleichwohl aber hochgeschätzt. Und es zeigen sich die ersten ausgezeichneten Ansätze, trotz nicht unbedingt optimaler Ausgangsbedingungen.

So wurden die Studienteilnehmer nicht auf die Härten des elektronischen Lebens vorbereitet. Office-Schulung? Fehlanzeige. Access, Excel, VBA? Woher denn… Datenbankprogrammierung? Nicht die Bohne… viele kämpfen daher noch in der Diplomarbeit noch mit elementaren Problemen. Eine Lücke im Lehrplan, und zwar eine riesengroße. Und auch sonst war das Studium eher eine Sendung ohne Maus. Wir verpassen den Anschluß und merken es nichtmal. Sowas gibt es wohl nur noch in Deutschland.

Immerhin wissen die Studis selbst ganz gut, wo es langgeht: schon letzte Woche habe ich einige ganz ausgezeichnete Anfänge gesehen, und auch gestern landete der Anfang einer sehr guten Diplomarbeit in meiner Mailbox. Der große Vorteil dieses Studienganges ist die Praxisnähe, denn alle Studis sind zugleich in Betrieben angestellt. Das erspart ihnen den Praxisschock, der manche Universitätsstudenten gleich nach ihrer examensbedingten Vertreibung von der akademischen Spielwiese hart am Boden der wirtschaftlichen Realitäten trifft. „Meine“ Studis sitzen nicht im Elfenbeinturm, sondern im Büro. Letzte Woche sogar in dem des Geschäftsführers, ein Zeichen für die Hochschätzung der angehenden Absolventen oder nur Platzmangel? Vor einigen Jahren hatte ich in dieser Hinsicht die Sternstunde: ein erfolgreicher Absolvent machte sich mit seinem Chef zusammen selbständig – in Konkurrenz zum bisherigen Arbeitgeber. Eine Ausgründung, über die die Konzernmutter sich nicht gefreut hat, und eine erfolgreiche: der Betrieb besteht heute noch. Ein Erfolgserlebnis auch für mich als Dozenten und Prüfer.

Trotz nichtoptimaler Finanzierung und bisweilen schlechter materieller Ausstattung kann die Bildung in Deutschland funktionieren. Ohne Experimente und mit wenig Geld kann man den Leuten und der Wirtschaft nützen. Der tägliche Kampf ist nicht umsonst. Das stimmt mich froh. Und es zeigt, daß die Eigeninitiative noch immer über alle Förderprogramme und Rechtsvorschriften siegt. Die, die es wirklich wollen, schaffen es auch. Ganz gleich, wie die formalen und finanziellen Voraussetzungen sind. Der Wille siegt über das Sein, der Geist über die Welt. Jede starke Seele findet unfehlbar, wonach sie wirklich sucht. Das ist der Kern der Sache…

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