Harry Zingel’s BWL-Weblog

22.11.2008

Bildungsprovinzialismus: wenn die IHK kein Englisch kann…

Schon vor einiger Zeit haben wir uns im BWL-Boten über Probleme mit Übersetzungen von in Deutschland erworbenen Titeln ausgelassen. Für Absolventen ist es in Zeiten der Globalisierung offensichtlich wichtig, daß ihre Titelbezeichnungen auch in Englisch vorliegen. Während dies im akademischen Bereich durch den sogenannten Bologna-Prozeß vereinfacht wird, durch den europaweit Abschlüsse vereinheitlicht und Prüfungen standardisiert werden, gibt es im Bereich der IHK-Fortbildung noch immer keine vergleichbaren Bestrebungen. Einige Kammern tun sich daher mit der Ausstellung englischsprachiger Zeugnisse besonders schwer.

Dabei wären sie eindeutig zu einer englischen und einer französischen Fassung des Kammerzertifikates verpflichtet, §37 Abs. 3 Satz 1 Berufsbildungsgesetz (BBiG). „Dem Zeugnis ist auf Antrag der Auszubildenden eine englischsprachige und eine französischsprachige Übersetzung beizufügen“ heißt es unmißverständlich im Gesetzestext. „Ist beizufügen“, und nicht „darf beigefügt werden“ oder sowas! Dennoch wird dies von einer bestimmten Kammer in Bayern bis heute verweigert. Selbst eine „Übersetzungshilfe“ des Titels, also eine amtliche englische Version von „Betriebswirt/IHK“ (statt einer Vollübersetzung des gesamten Dokuments), wird verweigert – seit einem halben Jahr.

Der englische Titel ist für die Absolventen nicht nur bei einer Tätigkeit im Ausland relevant: auch Qualitätsmanagement- und Personalverwaltungssysteme verlangen oft standardmäßig eine englische Titelbezeichnung – und machen Gehaltseinstufungen und Qualifizierungskategorien davon abhängig. Und von international einzusetzenden Briefköpfen und Visitenkarten mal ganz zu schweigen.

Wir haben uns ja schon an anderer Stelle über die Grundsätze ordnungsgemäßer Beschwerdeführung ausgelassen. Das ist hier erschwert, denn der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) ist keine Aufsichtsbehörde für die vor Ort tätigen Industrie- und Handelskammern. Es gibt, leider, keine hierarchische Organisation der Industrie- und Handelskammern. Zudem wissen wir wohl, wie der DIHK auf Beschwerden reagiert. Sind Kammerbeschwerden form-, frist- und fruchtlos? Kann jede örtliche Industrie- und Handelskammer nach Gutdünken verfahren?

Natürlich hat der Betroffene sich auch beim zuständigen Landesministerium beschwert, und von dort in einem der Redaktion vorliegenden Schreiben allen Ernstes die Auskunft erhalten, daß dies kein Rechtsverstoß sei, nichtmal mit Blick auf die unmißverständliche Formulierung im Berufsbildungsgesetz. Es sei auch kein Verstoß gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung, in diesem Fall eine „Übersetzungshilfe“ zu verweigern, obwohl diese von anderen Kammern problemlos ausgestellt wird. Schlägt hier der deutsche Bildungsprovinzialismus zu? Warum kann sowas nicht bundesweit einheitlich gehandhabt werden, wo anderswo längst die Europäische Vereinheitlichung greift?

Vielleicht hilft ein Blick in das IHK-Gesetz. „Die Industrie- und Handelskammern“, so lesen wir dort in §1 Abs. 1, „haben die Aufgabe, das Gesamtinteresse der ihnen zugehörigen Gewerbetreibenden ihres Bezirkes wahrzunehmen, für die Förderung der gewerblichen Wirtschaft zu wirken und dabei die wirtschaftlichen Interessen einzelner Gewerbezweige oder Betriebe abwägend und ausgleichend zu berücksichtigen“. Es ist ganz offensichtlich ein berechtigtes Interesse des betroffenen Absolventen, der übrigens selbst Kammermitglied ist, seinen mühsam erworbenen Titel auch in Englisch vorweisen zu können. Und die Kammern sollten Erfahrung mit englischen Dokumenten haben, denn ihnen „obliegt die Ausstellung von Ursprungszeugnissen und anderen dem Wirtschaftsverkehr dienenden Bescheinigungen“ (§1 Abs. 3 IHK-G). Warum ist es dann ein solches Problem, „Betriebswirt/IHK“ endlich verbindlich zu übersetzen und entsprechend auf Anfrage englische und französische Zeugnisse auszustellen?

Die Kammern stellen sich an wie Provinzbehörden vor Jahrzehnten. Die Globalisierung, die Europäische Integration und die weltweite Mobilität von Mensch und Material sind an den Kämmerlingen ganz offenbar spurlos vorübergegangen, jedenfalls was den Bereich der Fortbildungen angeht. Hier besteht dringender Handlungsbedarf, wenn wir nicht in diesem Bereich auch den Anschluß verlieren wollen. Die glatte Verweigerung einer englischen Titelbezeichnung kann jedenfalls auf eine regelrechte Inländerdiskriminierung hinauslaufen. Mit den Regelungen des EU-Rechts dürfte das kaum vereinbar sein…

Zur Ehrenrettung der Kammern muß man jedoch anmerken, daß die hier geschilderten Probleme nur einen einzigen Kammerstandort zu betreffen scheinen. Andere Kammern haben offensichtlich keine Probleme mit der Ausstellung englischsprachiger Titel und Zertifikate zu haben: sie erscheinen schon im Weiterbildungsprogramm (Beispiel, 6,47 MB) und natürlich auf den Zertifikaten. Vielleicht würde es ausreichen, bestimmte Dinge bundesweit zu zentralisieren, so daß nicht mehr jede Kammer nach Gutsherrenart machen kann, was sie will?

(zuerst im BWL-Boten in http://www.bwl-bote.de/20081103.htm veröffentlicht)

18.06.2008

Studiengebühren und Elitebildung: über die heiligen Kühe des Sozialismus

Nachdem in Hessen diese Woche die Studiengebühren wieder abgeschafft wurden, freilich nur wegen eines Formfehlers und nicht wegen des politischen Willens, dies zu tun, ist die Diskussion um die Erhebung von Studiengebühren wieder voll ausgebrochen, was nicht wundert, denn Benutzungsgebühren für einst steuerfinanzierte Leistungen des Staates zu verlangen, liegt im Trend der Kürzung und Verknappung. Dennoch ist die Diskussionslage hier unübersichtlicher als bei reinen Abzockeprojekten wie der Maut oder den Emissionszertifikaten. Dieser kleine Artikel bietet Argumentationshilfen für Gegner wie für Befürworter.

Das Argument der Chancengleichheit

Es ist kaum von der Hand zuweisen, daß Studiengebühren das Studium für Kinder armer Familien unerreichbar machen können. Und das Argument der Befürworter, daß für diese Studierenden Stipendien aus der Industrie zur Verfügung stehen, verfängt in Deutschland nicht, denn hier gibt es keine so ausgeprägte Förderlandschaft wie etwa in den USA. Viel bedeutsamer ist da schon das Argument, daß schon jetzt beiweitem keine Chancengleichheit bestehe: Muß Sohnemann zum Studieren in eine andere Stadt, was der Regelfall eher als die Ausnahme ist, dann scheitert das Studium oft schon an den Kosten für Unterkunft und Verpflegung – von Büchern, einem Laptop-Computer und anderen Notwendigkeiten mal ganz zu schweigen. Die öffentliche Bafög-Förderung deckt das lange nicht ab, und selbst dann würde ein Bafög-geförderter Student mit hohen Schulden ins Berufsleben starten. Wir müssen also endlich erkennen, daß der sozialistische Traum von der Chancengleichheit für alle schon jetzt eher eine Lebenslüge als irgendeine Realität ist; aber müssen wir die zweifellos bestehende Ungleichheit durch zusätzliche Gebühren noch verschärfen? Kognitive Leistungen, die etwa bei einem Aufnahmetest nachzuweisen wären, sind schon jetzt – leider! – kein Maß der Studienförderung; müssen wir aber eine finanzielle Selektion einführen?

Gemeinwohl und amtliche Lügen

„Milliarden“ wollte er in die Bildung stecken, schwadronierte einst Bundeskanzler Schröder höchstpersönlich, wobei Bildungsfirmen wie Hochschulen sich fragen, wann diese Gelder denn nun kommen. Und Merkel ist mit der geplanten Abschaffung der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Schulgeldern um keinen Deut besser. Die Erhebung von Studiengebühren muß da wie Hohn erscheinen: Aufgaben des Gemeinwohls sollten auch mit Steuermitteln finanziert werden, meinen die Gebührengegner, aber nichts dergleichen ist inmitten von Streichkonzerten und Kürzungsorgien zu sehen. „Geist ist geil“ hieß es daher bei den Studentenprotesten vor drei Jahren, und diese Proteste richteten sich pikanterweise gegen die Politik der zu Macht, Geld und Korruption gelangten Alt-68er, die ihrerseits selbst als protestierende Studenten angefangen hatten: nichts zeigt die Widersprüchlichkeit der gegenwärtigen Debatte deutlicher als das!

Der absurde deutsche Provinzialismus

Der jahrhundertealte „deutsche Flickenteppich“ lebt heute in der deutschen Bildungspolitik fort, die bekanntlich von den Ländern gemacht wird, einer Spätfolge des zweiten Weltkrieges, Hitlers Schatten ist lang. Ulf Merbold sagte einst, es sei leichter, in das Weltall zu fliegen als als Lehrer von einem Bundesland in ein anderes versetzt zu werden. Das wird durch Studiengebühren nicht besser, denn bekanntlich wollen nur die CDU/CSU-regierten Länder solche Gebühren einführen. Gibt es also bald einen Studententourismus in SPD-Länder, und Studienplatzwechsler nach dem Wahlergebnis der Landtagswahl?

Der Student als Kunde

Was nichts kostet, ist auch nichts wert, weiß der Volksmund, und es wundert daher nicht, daß es manche Studis an Begeisterung für das Studium fehlen lassen, denn es ist kostenlos und genau deshalb oft auch umsonst. Würde man also eine Gebühr erheben, so die Befürworter der Studiengebühren, hätte das auch eine Qualitätssteigerung der Lehre zur Folge, weil die Studenten als zahlende Kundschaft fordernder auftreten und schon durch Abwanderung die finanziellen Mittel der Hochschule beschneiden könnten – was freilich voraussetzt, daß die Mittel aus den Gebühren auch den Hochschulen zugutekommen, und nicht in den allgemeinen Staatshaushalt veruntreut werden. Da genau dies aber auch mit den Mitteln aus der Maut zu erheblichen Teilen geschehen soll bleibt abzuwarten, ob die Universitäten auch wirklich etwas von den Gebühren abkriegen.

Rating für Leerkörper

In diesem Zusammenhang könnte auch ein Rating für Professoren, Dozenten und andere Mitarbeiter eingeführt werden, was die Basis für eine leistungsgerechte Bezahlung sein könnte – Klausurarbeiten würden plötzlich schneller korrigiert und Sprechstunden bei Bedarf abgehalten und Verwaltungsmitarbeiter wären auf einmal freundlich und hilfsbereit. Ich könnte da von meiner eigenen Studentenzeit so manche üble Geschichte erzählen. Auch könnte ein wenig Pädagogik manchem gestandenen Beamtenprofessor nicht schaden – und Studiengebühren wären ein wirksames Vehikel, dieses zu erreichen.

Elitebildung als Folge

Eine logische Folge wäre aber auch, daß einige Universitäten und Fachhochschulen im Wettstreit obsiegen und andere verlieren: an der Höhe der Gebühren könnte man das Niveau der jeweiligen Lehre ablesen und entsprechende Entscheidungen über den Studienort treffen: bessere Hochschulen sind teurer, garantieren aber auch einen besseren Karrierestart für erfolgreiche Absolventen. Jeder könnte sich für seine Präferenz entscheiden – wo bislang nur halboffizielle Rankings bei den Personalern kursieren, die die Studis bei Studienbeginn nicht kennen, so daß sie oft erst nachher merken, am falschen Ort studiert zu haben. Dies freilich wäre der definitive Einstieg in die Elitebildung, die in Deutschland seit den sozialistischen Bildungsexperimenten der damaligen SPD-Regierungen der 60er und 70er Jahre verpönt ist. Man müßte also auch diese heilige Kuh gleichmacherischer deutscher Bildungspolitik endlich schlachten. Neid ist aber die Wurzel des Sozialismus – auch hier, denn Neid ist der letzte Beweggrund, Hochbegabten eine angemessene Förderung bis heute konsequent zu verweigern. Das Problem ist also tiefgreifender als die derzeitige oberflächliche Diskussion vermuten läßt.

Enge Verzahnung mit der Industrie

Nun haben wir das Problem der Förderung finanzschwacher Studienanwärter nicht gelöst, und auf den Staat zu vertrauen wäre wohl mehr als naiv. Also muß die Wirtschaft einspringen, denn der Unternehmer ist, wie wir seit Winston Churchills berühmtem Wort wissen, der Esel, der den ganzen Karren zieht. Das würde aber nicht ohne Eigeninteressen abgehen, was heißt, daß die größten Förderer sich Einfluß auf die Lehrpläne auserbeten würden. Damit würde aber eine weitere heilige Kuh geschlachtet, die von der zweckfreien Forschung, der Universität als Spielwiese. Auch das ist so eine rote Mär, der bis heute Politiker und manche Professoren anhängen. Daß aber nichts im Leben zweckfrei ist, und Wissenschaft immer den Zweck hat, die Macht des Menschen über die Natur zu erhöhen und damit den Fortschritt zu befördern, wird im deutschen Ökosozialismus noch geleugnet, aber vielleicht nicht mehr lange. Immerhin würde ein erfolgreicher Stipendiennehmer dann am Ende des Studiums auch einen sicheren Arbeitsplatz haben – etwas, was in den USA ganz selbstverständlich ist.

Zurückgefallen im internationalen Wettbewerb

Das bringt uns zu dem gewichtigsten Argument der Gebührenbefürworter, daß die Deutschen nämlich längst im internationalen Wettbewerb zurückgefallen sind, und man diesen Rückstand nur durch Eliteförderung aufholen könne: das Land der Dichter und Denker, das bei der PISA-Studie versagt hat, fällt auch zunehmend in der Berufs- und Hochschulbildung zurück: Raumfahrt, Verbrennungsmotor, Elektromaschinen, Chemie und Werkstofftechnik: was haben deutsche Erfinder der Welt alles geschenkt, bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Was aber tragen deutsche Wissenschaftler heute noch zur internationalen Forschungslandschaft bei? Treibhauszertifikate und Krötentunnel. Andere schauen in den Weltraum, wir in des Nachbarn Mülltonne. Aber können wir diesen Mißstand durch Studiengebühren beheben – oder brauchen wir nicht doch einen radikalen Regimewechsel?

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