Harry Zingel’s BWL-Weblog

05.07.2008

Notprogramm und Gegenrevolution: alternative Vorschläge zur Schulreform

Immer wieder ist der BWL-Bote im Rahmen der Ausbildung und der Erwachsenenbildung mit den Problemen der Schule indirekt konfrontiert – wenn gestandene Erwachsene beispielsweise die Prozentrechnung nicht beherrschen, und das ist häufiger als man glauben mag. Er macht daher an dieser Stelle eigene Vorschläge zur Schulreform, die, im Gegensatz zur öffentlichen Diskussion, vielfach kostenlos wären, aber nicht umsonst.

Das dreigliedrige Schulsystem

Die Unterteilung in Haupt- und Real- und Oberschule hat sich über viele Jahrzehnte bewährt und sollte unbedingt beibehalten werden. Die auf dem Rücken der Kinder seit den 70er Jahren gemachten Experimente mit der Gesamtschule sind ganz offensichtlich gescheitert und sollten sofort ersatzlos aufgegeben werden. Die Hauptschule sollte dabei wieder ihrem Namen als regelmäßige Schulform gerecht werden, also die regelmäßige Schulform sein.

Eliteförderung in der Schule

Der sozialistische Alptraum von totaler Gleichheit hat praktisch jegliche Eliteförderung in diesem Land erstickt, was die Hochbegabten ins Ausland oder ins berufliche und persönliche Versagen getrieben hat. Kaum ein anderer Fehler der Bildungspolitik hat uns so viele Fach- und Spitzenkräfte gekostet wie der Versuch der Schule, alle gleichermaßen zu fördern oder Hochbegabte gezielt zu behindern. Das dreigliedrige Schulsystem, das schon von seiner Grundstruktur auf Eliteförderung ausgelegt ist, sollte daher für Hochbegabte durchlässig sein und zu jeder Zeit besondere Einzelförderungen vorsehen und ermöglichen. Fachschulen wie Sport- oder Musikgymnasien oder technische Schulen sollten eingerichtet werden, um Besondere Talente wieder gezielt fördern zu können.

Kopfnoten und die harte Hand des Lehrers

Wer in der Ausbildung tätig ist kennt das Disziplinproblem und weiß, wie störend Handys in Unterrichtsveranstaltungen sind. Kopfnoten wie „Betragen“ oder „Aufmerksamkeit“ sollten daher während der gesamten Schullaufbahn erhalten bleiben. Niemand sollte mit einer schlechten Kopfnote versetzt werden können. Der Lehrer sollte Sanktionsmöglichkeiten haben und auch gefahrlos gebrauchen dürfen. Dies meint ausdrücklich nicht die Prügelstrafe, aber sehr wohl, einem Schüler ein Handy wegnehmen zu dürfen ohne sich der Gefahr einer Schadensersatzklage aussetzen zu müssen. Auch der Rauswurf oder der Schulverweis jeweils mit einer entsprechenden Mitteilung an die Eltern sollte wieder möglich sein. Der Datenschutz sollte nicht mißbraucht werden, daß Erziehungsberechtigte nicht erfahren, was ihr Zögling in der Schule so alles anstellt.

Schuluniformen und soziale Unterschiede

Der BWL-Bote empfiehlt die verpflichtende Einführung von Schuluniformen und einen Schulverweis für alle Schüler, die sie nicht tragen. Dies vermindert die sichtbaren sozialen Unterschiede zwischen Schülern und die damit verbundenen Gewalt- und Straftaten auf manchem Schulhof; es erlaubt zudem die Einführung schulindividueller Auszeichnungssysteme, die neue Hierarchien gemäß schulischer Leistung und kognitiver Fähigkeit aufbauen. In anderen Ländern wurden mit vergleichbaren Systemen große Erfolge erzielt; weshalb Deutschland gerade in diesem Punkt nichts vom Ausland lernen will, ist rätselhaft.

Pflichtfächer

„Deutsch“ und „Mathematik“, oder in der Grundschule „Schreiben“ und „Rechnen“, sollten den Schüler seine gesamte Schulkarriere hindurch begleiten, dazu nach Ende der Grundschule „Geschichte“, und mindestens eine moderne Fremdsprache. Im Gymnasium und möglicherweise auch in der Realschule sollte Latein als Pflichtfach hinzutreten, über dessen besondere Vorteile wir uns bereits an anderer Stelle ausgelassen haben. Schließlich fordern wir „Religion“ als Pflichtfach, wobei der Lehrplan ausdrücklich auch den Islam, den Hinduismus und den Buddhismus enthalten sollte, denn diese Religionen sind bekanntlich in Deutschland inzwischen recht zahlreich vertreten. Kenntnis der jeweils anderen religiösen Lehren kann aber unserer Auffassung nach zur Entschärfung der auch in Deutschland vorhandenen ethnischen Konflikte beitragen und damit die Gesellschaft stabilisieren.

Lehrplan „Deutsch“

Die klassische Literatur ist für deutsche Schüler inzwischen zu einem verlorenen Schatz geworden, den es wieder zu heben gilt. Dies dient nicht nur der allgemeinmenschlichen Schulung, sondern auch der Ausbildung einer nationalen Identität, die zu tragen wir genauso berechtigt sind wie alle anderen Nationen. Einige Werke der klassischen Autoren sollten daher im Unterricht behandelt werden und insbesondere eine Zahl von Gedichten gelernt werden, nicht nur wegen ihres Inhaltes sondern auch wegen des damit verbundenen Gedächtnistrainings. Die durch das wenig segensreiche Wirken erst der Siegermächte und später der EU schon weitgehend entschwundene nationale Identität der Deutschen wäre damit möglicherweise noch zu retten. Daß das Experiment mit der Schlechtschreibreform unverzüglich beendet werden sollte, wie es die Presse ja bereits tut, versteht sich von selbst: die bisherigen Regelungen haben sich seit über einem Jahrhundert bewährt. Sie zu ändern gab und gibt es keinen Anlaß – von der unappetitlichen historischen Parallele mit der Nazizeit, die hier auf einmal niemanden zu stören scheint, mal ganz abgesehen.

Lehrplan „Rechnen“ bzw. „Mathematik“

Wir machen die Mengenlehre für die verbreitete Rechenschwäche bei Jugendlichen und Erwachsenen verantwortlich. Es ist eine verbreitete Dozentenerfahrung, daß man selbst mit gestandenen Arbeitnehmern endlos diskutieren kann, weshalb eine Zahl mit 1,2 zu multiplizieren dasselbe bewirkt wie 20% zu addieren. Nach dem Einmaleins in der Grundschule sollten also grundlegende Fähigkeiten wie Prozentrechnung, Dreisatz oder Geometrie zu den unverzichtbaren Inhalten des Mathematikunterrichtes zählen. Gleichungssysteme und Matrizenrechnung sowie Differential- und Integralrechnung sind Mindestanforderungen an die Sekundarstufe.

Lehrplan „Geschichte“

Geschichte ist für die Nationale Identität der Schüler zentral, und vermutlich gerade deshalb zugunsten von Fächern wie „Gemeinschaftskunde“ abgeschafft worden. Das muß rückgängig gemacht werden. Hierbei hat die Schule insbesondere einen Gesamtüberblick über die Geschichte zu vermitteln und sollte sich nicht auf die angeblich Tausend Jahre von 1933 bis 1945 und die späteren Folgen dieser schrecklichen Zeit als alleinigen Inhalt beschränken: Den Ost-West-Gegensatz gibt es nämlich nicht erst seit Erich Honnecker und Osama bin Laden, sondern möglicherweise schon seit den Perserkriegen und den Alexanderzügen, die man nämlich als Vorläufer moderner westlicher Interventionen im Osten verstehen kann.

Neue Schulfächer

Da die Schule den Menschen auf das Leben vorbereiten soll, muß sie Inhalte vermitteln, die lebensrelevant sind. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Autofahren, eine Fertigkeit, vor der sich kaum jemand drücken kann. Es wird daher empfohlen, „Straßenverkehr und Autofahren“ als Schulfach einzuführen. Dies ist, wie alle bisher gemachten Vorschläge, kostenlos zu haben, soweit man sich auf die theoretische Ausbildung beschränkt, aber in einer Gesellschaft, die die Mobilität immer weiter einzuschränken sucht, offenbar nicht politisch korrekt. Würde man ausnahmsweise hier mal vom Ausland lernen, wo jedermann das Fahren auf öffentlichen Straßen üben darf, hat er nur jemanden mit Fahrerlaubnis neben sich und ein „Learner“-Schild am Fahrzeug, dann wäre jedem gedient – außer der sehr deutschen Zunft der Fahrlehrer.

Die digitale Grundausbildung

Gleiches gilt für die Benutzung von Computern, die noch immer vielen Menschen ein Buch mit sieben Siegeln ist – ein klares Versäumnis der Schule, denn Computer gibt es nicht erst seit Windows 95, sondern seit einem halben Jahrhundert. Bis heute haben aber viele Studenten beim Schreiben ihrer Studien- und Diplomarbeiten auch massive technische Schwierigkeiten. Neben einer für alle obligatorischen Computer-Grundausbildung, die primär das Umgehen mit dem Betriebssystem und mit populären Anwenderprogrammen wie Textverarbeitung und Tabellenkalkulation gehört, sollten Wahlpflichtangebote wie Datenbanken, Programmiersprachen, Web- und Grafik-Design oder Konstruktion Schüler in den oberen Klassen auf die Härten der digitalen Welt vorbereiten.

Die Schulreform ist kostengünstig

Alle bisher vorgeschlagenen Reformen haben den schönen Vorteil, kostenlos oder mindestens sehr kostengünstig zu sein, denn man muß zwar einige Fähigkeiten, die sich auch in der Lehrerschaft inzwischen verflüchtigt haben, wiederbeleben, aber ansonsten eigentlich nur den Stundenplan re-modernisieren. Ihn durch eine entsprechende Arbeitszeitverlängerung für Lehrer zu sichern, liegt ebenfalls im Trend der Zeit, die sogar schon darüber nachdenkt, Finanzämter und Stadtwerke an Freitagen wieder zu öffnen, wobei man festhalten sollte, daß der durchschnittliche Einsatzplan eines verbeamteten Lehrers in keiner Weise an den Arbeitsplan eines Zählerablesers heranreicht. Die ersatzlose Abschaffung des Berufsbeamtentums in den Schulen wird daher ebenso vorgeschlagen die Einführung regelmäßiger Leistungsbeurteilungsverfahren für Lehrer.

Ganztagsschulen als einziges kostenpflichtiges Element

Schließlich schlagen wir die Einführung von Ganztagsschulen vor, die es Eltern ermöglichen, Beruf und Kinder besser miteinander zu vereinbaren. Diese Schulen sollten den gleichen Lehrplan wie Halbtagsschulen vermitteln, aber zusätzliche Nachmittagsangebote wie Hausaufgabenhilfe oder Arbeitsgemeinschaften bieten. Dieser Vorschlag ist der einzige, der wirklich volkswirtschaftliche Kosten verursacht, aber Politiker aller Parteien schwadronieren ja ohnehin davon, welche Milliardensummen sie für die Bildung ausgeben wollen. Das hier ist also die lang erwartete Chance. Da für die Eltern Wahlfreiheit herrschen sollte, in welche Schule sie ihre Kinder schicken wollen, entscheidet letztlich der Markt, welche Schulform sich am Ende durchsetzt, was uns viele entnervende ideologische Debatten erspart.

21.06.2008

Latein in der Schule: vom modernen Nutzen einer alten Sprache

Gespeichert unter: Aus- und Fortbildung — Harry Zingel @ 9:43
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Mit Überraschung habe ich die heftigen Diskussionen zur Kenntnis genommen, die sich um meine Forderung nach mandatorischem Lateinunterricht aus dem ordoliberalen Manifest entwickelt hat. Während etwa mein Postulat, der Staat solle nur ein Nachtwächter sein, sonst viel eher intensive ideologische Auseinandersetzungen produziert, erregte der Laterinunterricht diesmal viel größeren Widerspruch. Aber weshalb?

Transeamus usque Bethlehem…

weiß das Weihnachtslied, lasset und hinübergehen nach Bethlehem, um dort nämlich das geborene Jesuskund zu bewundern. Als conjunctivus adhortativus deutet „transeamus“ eine Aufforderung an, und der Lateiner kennt natürlich die Infinitivform, transire, hinübergehen (aus trans-, „hinüber“, und „ire“, gehen), und das ist, wo das Jesuskind mit der Elektronik und auch der Betriebswirtschaft zu tun kriegt, denn der Transistor ist ein Teil, in dem Elektronen von der P-Schicht in die N-Schicht wechseln (oder eben auch nicht), und transistorische Posten sind solche, in denen Zahlungen vor dem Abschlußstichtag in Aufwendungen oder Erträge nach diesem Tag hinübergehen, und das ist der Regelungsgehalt von §250 HGB, ein Rechnungsabgrenzungsposten also. So hilft das alte Latein, ganz moderne technische oder kaufmännische Zusammenhänge intuitiv zu verstehen.

Keine tote Sprache

Das Beispiel demonstriert, weshalb Latein eben nicht so tot ist, wie immer behauptet, denn es steckt in einer Menge Fremdworte, ist also gleichsam eine indirekt lebende Sprache. Wer Latein beherrscht, braucht daher in aller Regel kein Fremdwörterbuch mehr, weil er nahezu alle gebräuchlichen Fremdwörter aufgrund ihrer lateinischen Wurzel versteht.

Auch für moderne Fremdsprachen nützlich

Das gilt insbesondere auch beim Lernen moderner Fremdsprachen, und nicht nur der romanischen Sprachen (Italienisch, Französisch, Spanisch aber auch Rumänisch), sondern genauso Englisch: überall, wo einst die Römer herrschten, hinterließen sie auch sprachliche Spuren, die sich in einer Unzahl eigentlich lateinischer Worte auch in Englisch niederschlagen. So verstehe ich zwar kein Wort französisch, weil ich mit deren Aussprache nicht klarkomme, kann aber relativ problemlos französische Zeitungen mindestens verstehen, weil so viel im Französischen lateinischen Ursprungs ist, und mit italienisch ist es nicht anders.

Moderne Wissenschaftsterminologie

In der Sprache der Wissenschaftler, gleich welcher Muttersprache sie sind, gilt das noch viel mehr, denn eine Menge der wohlklingenden Begriffe, mit denen Wissenschaftler Unwissende von ihrem Fach fernhalten wollen, sind oft lateinischen Ursprunges. So ist eine Erklärung der Wirklichkeit bei den Soziologen eine Realexplikation, ein Begriff, den der Unkundige erst nachschlagen muß, den der Lateiner aber sofort versteht. Der Zugang zu wissenschaftlicher Literatur erschließt sich dem Altsprachler also viel leichter, oder das Lernen ist produktiver, weil einmal Gelerntes in vielen Zusammenhängen nützlich ist.

Ein böser Verdacht

Das alles bringt mich zu einem Verdacht, der dem derzeitigen Schulsystem dieses Landes wenig schmeichelt, sollte er sich bewahrheiten. Denn unser Transeamus-Beispiel hat gezeigt, daß Latein nur dem hilft, der Transferfähigkeit besitzt, der also, wie im Beispiel gezeigt, die Brücke vom Weihnachtslied zur Elektronik oder Betriebswirtschaft schlagen kann. Sprachen werden seit den 70er Jahren aber selbst im Erwachsenenunterricht immer mehr induktiv und immer weniger deduktiv gelehrt, also durch Nachsprechen und Auswendiglernen statt durch Lernen und Einüben der Grammatik und Vokabeln und durch Erkennen und Verstehen von Ähnlichkeiten. Manche Sprachlehrer versuchen gar ganz auf Grammatik zu verzichten, und erst Recht auf Herkunftslehre: „Transistor“ und „transistorisch“ erscheinen im Geist des Lernenden dann als selbständige Einheiten, und nicht mehr als zwei Erscheinungsformen derselben, nur einmal zu lernenden Grundtatsache („transire“).

Fundamentale Defizite

Es wundert nicht, daß daher auch immer mehr Lernende nicht mehr fähig sind zu erkennen, daß ein Ergebnis von 20% in einer Rechnung und 1,2 in einer Anderen in ihrer Funktion dasselbe sein könnten, nämlich Kalkulationsfaktor und Zuschlag, beide geeignet zur Vollkostenrechnung: es wird nur noch auswendig gelernt, nicht mehr verstanden. Während die Induktivmethode für den Sprachunterricht bei Jugendlichen oder Erwachsenen nämlich untauglich ist, und das Erlernen einer Fremdsprache erheblich erschwert, dient sie im theoretischen Unterricht dem Fördern des Erkennens von Zusammenhängen, dient also dazu, Erkennen und Fähigkeiten aus grundlegendem Wissen auszubilden. Auch wenn also solche Zahlenbeispiele mit Latein nichts zu tun haben, so würde ein im Kindesalter begonnener grundlegender Lateinunterricht, gefolgt von deduktiver Vermittlung moderner Sprachen wie Englisch oder Französisch, doch das diesbezügliche Denkvermögen massiv fördern – und zwar auch in ganz anderen Bereichen. Latein ist damit eine Art studium generale fürs Leben, denn vitae sed scholae discimus, nicht für die Schule sondern fürs Leben lernen wir. Es erhebt sich die Frage, weshalb man dieser an sich simplen Einsicht nicht folgt und immer mehr für die Katz lernt?

Verdeckte Absicht

Konnte man die gleichmacherischen Gesamtschulexperimente der Sozialdemokraten vor 30 Jahren („Mengenlehre“ statt Einmaleins) noch dem Versuch einer Kulturrevolution im damaligen Westen zuordnen, so sollte man überlegen, wer heute von solchen Zuständen profitiert. Und hier drängt sich der Verdacht auf, daß ein nicht mehr selbst denkender Bürger dem Politiker durch weniger Kritik und mehr Ruhe entgegenkommt. Auch politische Zusammenhänge können nämlich verdeckt sein, beispielsweise der zwischen Klimahysterie und Finanzwirtschaft. Je weniger hier mitgedacht wird, desto mehr Macht können die Politiker ausüben und desto weniger Widerstand haben sie zu erwarten. Kein Wunder also, daß von Bildung nur schwadroniert wird, dafür aber auf Euro komm raus gekürzt und gekappt wird. Ruhe ist erste Bürgerpflicht, und die Umgestaltung des Bildungswesens soll dies befördern – im Untertanenstaat, heute wie einst im alten Preußen, nunc et sempre…

14.06.2008

Wissen, Können und Erkennen, oder von der Treppe, die zum Prüfungserfolg führt

Immer wieder haben wir uns im BWL-Boten darüber ausgelassen („selbstverherrlicht„), daß es zum Erfolg keinen Lift gebe, sondern immer die Treppe benutzt werden müsse. Grundlage all dieser Überlegungen ist meist mein Lehrkonzept, in dem Wissen, Können und Erkennen als die drei grundlegenden Ebenen des Lernens dargestellt wurden. Wie aber manifestiert sich das in einer Prüfungsfrage?

Wissen

Die Wissensfrage prüft Kenntnisse, also inwieweit ein Prüfungsteilnehmer über Einblick, Überblick, Kenntnis oder Vertrautheit mit dem Prüfungsgegenstand verfügt. Die Wissensfrage ist damit häufig reproduktiv. Sie setzt, falls Einblick oder Überblick ausreichen, Auswendiglernen voraus. Das ist in juristischen Prüfungen besonders häufig, denn Rechtswissenschaftler müssen eine große Vorschriften- und Rechtsprechungskenntnis besitzen – und wagen oft keine eigenen Interpretationen, denn diesen könnte in Zukunft von einem Gericht widersprochen werden, was die mühsam erstellte Prüfung ad absurdum führten würde. Im Bereich der allgemeinen BWL sind eher Fragen wie „Was bedeuten diese Abkürzungen?“ oder „Nennen Sie die an einem Akkreditiv Beteiligten“ solche Fälle. Fragt ein Aufgabenpoet nach den drei Methoden, etwas zu tun, oder nach den vier Arten von etwas, dann gehört die Wissensfrage eindeutig ins Gruselkabinett der unfairen Prüfungsfragen, wenn die drei Methoden oder die vier Arten nur in einem zugrundeliegendsen Leerbrief oder Skript so eingeteilt werden und nicht universell gültig oder gesetzlich so strukturiert sind. Dieses Problem ist leider häufig.

Können

Können ist die Fähigkeit, Wissen anzuwenden. Das ist in Prüfungen heftiger und meist ein Rechenverfahren. Man kann beispielsweise die Methoden nach IAS 2.25 bzw. den §§240 Abs. 4 und 256 HGB kennen (also über Wissen verfügen), aber dies zu auch an konkreten Zahlen zu rechnen, prüft das Können des Prüfungsteilnehmers. Können erwirbt man nur durch Übung der Anwendung von Wissen. Wichtig ist hierbei, daß in dem Übungsmaterial Lernschritte sorgfältig geplant und vom Aufgabenersteller möglichst wenig Fehler gemacht werden. Auch sollte die Unterscheidung zwischen Wissen und Können klar sein – dem Fragesteller.

Erkennen

Erkennen ist die Basis für die selbständige Erweiterung von Wissen und Können. Durch Erkennen kann ein aus einer bestimmten Situation bekanntes Problem auf eine neue Sachlage angewandt werden. Wer über Erkennen verfügt ist daher in der Lage, neue, Kreative Lösungen für bislang noch nie erlebte Situationen zu finden und anzuwenden. Man spricht daher auch von Transferwissen. Dies vermittelt nicht nur einen Wettbewerbsvorteil, sondern auch die Wahrheit hinter den Lügen der Politiker, weshalb das Erkennen entgegen manch offizieller Lippenbekundung nicht sehr beliebt ist, denn es schwächt strukturelle Macht. Im Bereich von Prüfungen sind Erkennensfragen solche, die scheinbar unlösbare Probleme präsentieren, bei denen Standardlösungsansätze versagen. Solche Fragen sind meist echte Knallschoten und daher zu Recht gefürchtet. Wir haben deshalb an dieser Stelle immer wieder versucht, die Prüfungskandidaten auf solche Anforderungen vorzubereiten, aber die Phantasie der Prüfungslyriker ist nicht zu unterschätzen. Sie sind aber nicht nur eine Gefahr, denn man kann an ihnen scheitern, sondern auch eine Chance, denn man kann an ihnen auch wachsen. Was uns zum Zweck des ganzen Gesellschaftsspieles bringt…

Vom Zweck der Prüfung

Prüfungen hätten am Abend zuvor ihren Zweck bereits erfüllt – sagt man. Das freilich gilt nur, wenn die, die Prüfungen erstellen („Prüfungslyriker“, „Aufgabenpoeten“), mit einer sorgfältig ausgewogenen Mischung von Wissens-, Könnens- und Erkennensfragen und einer wohlgesetzten Reihenfolge von anfänglichen Erfolgserlebnissen und über die Dauer des Lehrganges und die Zeit der Prüfung zunehmendem Schwierigkeitsgrad für entsprechend Herausforderung aber eben auch für sicht- und fühlbaren Erfolg gesorgt haben. Bei den Industrie- und Handelskammern („Kämmerlingen“) bahnt sich ganz offenbar eine entsprechende Verbesserung an. Das gilt selbst für Detailprobleme. Mal sehen, ob andere Bildungsveranstalter mitziehen – oder ob dies den Markt tüchtig aufmischt. Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft – auch im erstarrten und verkrusteten Bildungsbereich!

04.06.2008

Prüfungsstrategie: Warum der Mitschreiber durchfällt

Kürzlich gemachte Erfahrungen mit Prüfungskandidaten im Bereich Betriebswirt/IHK lassen mich ratlos zurück, ratlos und besorgt, denn die berüchtigte „BSC-Frage“ hat gezeigt, daß jetzt auch in der bislang rein reproduktiven QM-Prüfung Selberdenken angesagt ist, was manchen schwerfällt. Darüber, weshalb das so ist, und was man tun sollte, wird in diesem kleinen Aufsatz spekuliert

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