Harry Zingel’s BWL-Weblog

16.05.2009

Europawahl: ungleich und undemokratisch

Gespeichert unter: Wider den Zeitgeist — Harry Zingel @ 1:35
Tags: , , , , , , , ,

Die Europäische Union ist bekanntlich nicht gerade ein Kompetenzzentrum für Demokratie und Marktwirtschaft. Das zeigt sich auch jetzt wieder am Beispiel der Europawahl. Ca. 500 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, die Abgeordneten des Europäischen Parlamentes zu bestimmen, aber die Wahl verstößt gegen elementare Grundregeln der Demokratie.

So sollte man erwarten, daß bei demokratischen Wahlen alle Stimmen gleich gewertet werden, doch das ist nicht im entferntesten bei den Europa-Wahlen der Fall: einige Stimmen zählen zehn (!) mal so viel wie andere. Schauen wir mal, wie das zustande kommt:

Deutschland hat derzeit ca. 82 Mio. Einwohner und 99 Vertreter im Europaparlament. Ein deutscher Europaparlamentarier vertritt also ca. 828.000 Einwohner Deutschlands. Die Niederlande haben aber so ungefähr 16,5 Mio. Einwohner und 27 Vertreter im Europaparlament. Ein niederländischer Europaparlamentarier vertritt also ca. 611.000 Einwohner seines Landes. Eine niederländische Stimme ist damit mehr wert als eine deutsche.

Die Inselrepublik Malta aber hat nur 410.000 Einwohner aber doch fünf Sitze im Europaparlament. Ein maltesischer Abgeordneter vertritt also 82.000 Einwohner seines Landes. Eine Stimme eines einzigen maltesischen Wahlberechtigten ist damit so viel wert wie die Stimmen von zehn (!) deutschen Wahlberechtigten. Das also ist, was man in Europa unter einer gleichen Wahl versteht.

Es kann leicht gezeigt werden, daß der derzeitige Wahlmodus Deutschland und die großen EU-Mitglieder deutlich benachteiligt. Hierfür muß man nur die vorstehende Rechnung für alle 27 EU-Staaten durchführen. Sortiert man die Ergebnisse absteigend nach Zahl der Stimmen pro Sitz im Europaparlament, so gelangt man zum folgenden, heftigen Ergebnis:

Nr. EU-Land Einwohner Sitze Stimmen pro Sitz
1 Spanien 46.063.511 54 853.028
2 Frankreich 65.073.482 78 834.275
3 Deutschland 82.099.232 99 829.285
4 Vereinigtes Königreich 60.587.000 78 776.756
5 Italien 60.054.511 78 769.930
6 Polen 38.115.909 54 705.850
7 Rumänien 21.489.000 33 651.182
8 Niederlande 16.500.000 27 611.111
9 Schweden 9.256.347 19 487.176
10 Griechenland 11.171.740 24 465.489
11 Österreich 8.353.243 18 464.069
12 Portugal 10.945.870 24 456.078
13 Bulgarien 7.606.551 17 447.444
14 Belgien 10.666.866 24 444.453
15 Ungarn 10.038.000 23 436.435
16 Tschechien 10.446.157 24 435.257
17 Dänemark 5.475.791 14 391.128
18 Slowakei 5.455.407 14 389.672
19 Finnland 5.311.211 14 379.372
20 Litauen 3.354.700 9 372.744
21 Irland 4.239.848 13 326.142
22 Slowenien 2.019.614 7 288.516
23 Estland 1.342.000 6 223.667
24 Zypern 1.058.300 6 176.383
25 Lettland 2.270.894 13 174.684
26 Malta 410.000 5 82.000
27 Luxemburg 483.800 6 80.633

Quelle für die Einwohnerzahlen: Wikipedia.

Doch selbst das ist noch nicht alles: der Europawähler kauft nämlich auch noch die Katze im Sack. Die Wahl ist unpersönlich, d.h. man wählt eine Liste, nicht aber einen Kandidaten. Wer auf der Liste wo steht, bestimmen nämlich die Parteidelegierten, also nicht die Wähler. Der Wähler kann also nie über Personen entscheiden – und wählt damit u.U. völlig unwissentlich und ungewollt recht unappetitliche Persönlichkeiten. Auch das entspricht nicht im geringsten demokratischen Mindeststandards. Es bedeutet vielmehr, daß der Wähler eben nichts wählen darf. Das Wahlvieh hat keine Wahl. Es dient nur dazu, eine demokratische Fassade zu errichten.

Die Wahlen in der EUdSSR gleichen damit denen in China oder der einstigen DDR, Gott hab sie selig: der Bürger hat nichts zu sagen, aber es soll so aussehen, als hätte er. Das aber ist typisch für die Diktatur, denn würden Wahlen etwas verändern, dann wären sie längst verboten. Das Wahlvieh weiß das natürlich genau, und bleibt den Urnen fern: betrug die Wahlbeteiligung bei der ersten Direktwahl zum Europäischen Parlament in 1979 noch 63,0%, so sind bei der bisher letzten Farce ihrer Art in 2004 nur noch 45,6% der Bürger an die Urnen gegangen. Wie viele es diesmal werden, bleibt abzuwarten. Eines scheint indes vorab schon sicher: die absolute Mehrheit erhält diesmal auch wieder – die Partei der Nichtwähler. Schon das ist eigentlich eine eindrucksvolle Volksabstimmung gegen Europa. Es zeigt aber auch den Entwicklungsverzug der EUdSSR: in der einstigen Sowjetunion wurden, wie auch in ihren damaligen Satellitenstaaten, die Menschen zur Wahl genötigt. Wer bis Mittags noch nicht aufgelaufen war, wurde persönlich zu Hause abgeholt. Das führte zu eindrucksvollen Wahlbeteiligungen stets über 99%. Das kann Europa noch nicht. Noch nicht!

03.12.2008

»Pizza Napoletana«: Der Stier hat Rinderwahn

Gespeichert unter: Wider den Zeitgeist — Harry Zingel @ 6:29
Tags: , , , ,

In einem früheren Artikel an dieser Stelle haben wir die Politiker der EU als überflüssige Parasiten bezeichnet („beschimpft“). Nicht jeder Leser hat dies begrüßt, wie einige recht intensive Zuschriften vermuten lassen. Dabei gäbe es genügend Möglichkeiten, diesen Standpunkt (diese „wahrlich ungeheuerliche Verunglimpfung“) unter Beweis zu stellen. Ein einziger eher zufälliger Griff ins Amtsblatt der Europäischen Union, und schon werden wir fündig:

Die „Pizza Napoletana“, so erfahren wir im offiziellen Veröffentlichungsblatt der EU, ist „eine kreisförmige Backware mit variablem Durchmesser von höchstens 35 cm mit erhabenem Teigrand (cornicione) und mit Belag bedecktem Inneren. Das Innere ist 0,4 cm dick, wobei eine Toleranz von ±10% zulässig ist“. Wie schön. Nur was hat das im Amtsblatt der EU verloren?

Zwei italienische Pizzabäckervereinigungen, die Associazione Verace Pizza Napoletana und die Associazione Pizzaiuoli Napoletani beantragen hier eine Eintragung als „garantiert traditionelle Spezialität“ (GTS). Wer dann keine Pizza mehr zwischen 0,36 und 0,44 cm Dicke hinkriegt, darf sie nicht mehr „Napoletana“ nennen: Zahllose Pizzarestaurants müssen dann wohl ihre Speisekarten umschreiben. Und die Antragsteller meinen es ernst: weiter unten sind die Schriftarten, mit der der Pizzakarton beschriftet sein kann, und die Farben von Tomate, Mozzarella und Basilikum in CYMK-Farben (!) angegeben: Wer keine Tomaten hat mit 0% Cyan (C), 91% Magenta (M), 87% Gelb (Y) und 0% Schwarz (K), der hat keine Pizza Napoletana. Das übrigens, so erfahren wir, ist die Pantone ProSim-Farbe Nr. 032. Das Farbenmeßgerät aus dem Grafikstudio als Handwerkszeug der Pizzabäcker? Ich frage mich, ob sich die manchmal irrtümlich als Tomaten bezeichneten holländischen Wassersäcke wohl wenigstens farblich für die Pizza Napoletana qualifizieren…

Wir haben die eurosklerotischen Bürokraten als „überflüssige Parasiten“ bezeichnet, und das nachfolgende Dokument ist ein Beweis, einer von hunderten, denn das Amtsblatt wimmelt nur so von solchen Regelwerken, meist gleich in dutzenden von Sprachen:

»Pizza Napoletana«: Der Stier hat Rinderwahn

Der europäische Stier, so schließen wir, hat Rinderwahn. Er sollte also möglicherweise auch so behandelt werden, wie die EU kranke Tiere behandeln läßt, nämlich notgeschlachtet werden. Gerade jetzt, da man den neuen EU-Vertrag von Lissabon fern jeder demokratischen Willensbildung überall ratifizieren läßt, wäre eine gute Chance, sich von diesem schwachsinnigen Turbo-Bürokratismus endlich zu befreien. Das „Nein“ der Holländer und Niederländer zur EU-“Verfassung“ von 2005 wäre heute in anderen Staaten um so lauter zu hören, besonders hier in Deutschland. Da man jedoch den Deutschen seit 60 Jahren einhämmert, ihr Land (und sich selbst) zu hassen, können solche bürokratische Monster überhaupt erst entstehen.

„Der Holzofen“, so heißt es in dem blödsinnigen offiziellen Dokument, „ist ein herausragend wichtiger Faktor für das Garen und die Qualität“ der Pizza Napoletana. Ob der wohl auch mit Papier betrieben werden kann, zum Beispiel dem für Amtsblatt-Publikationen verschwendeten Papier? Das hätte dann wenigstens einen nutzbringenden Zweck… Pizza zu backen, natürlich „Pizza Napoletana“. Die mit der Tomate in Pantone ProSim 032.

23.08.2008

Vom deutschen Wesen, oder der Anspruch auf Glück

Viele der gegenwärtigen kindischen Zankereien in Wahlkämpfen und anderen politischen Peinlichkeiten versteht man erst, wenn man die zugrundeliegenden Prinzipien und Mechanismen aufdeckt. Das aber ist schwierig, denn die stehen nicht im Gesetzbuch – oder etwa doch? Wagen wir mal einen tiefen Blick hinter die Kulissen.

So werden Grundannahmen und Weltanschauungen nicht oft ausgesprochen. Sie sind meist nur unter der Oberfläche wirksam. Bisweilen stehen sie aber auch klipp und klar in Artikeln und Paragraphen. Dort muß man sie aber auch finden: „We, the People“ beginnt die US-Verfassung, „Wir, das Volk“. Schon das eine Leistung, die man weder im Grundgesetz noch in den noch viel undemokratischeren EU-Vertragswerken findet. Gerade von einer solchen undemokratischen Macht hatten sich die 13 britischen Kolonien in Nordamerika am 4. Juli 1776 losgesagt – mit der Unabhgängigkeitserklärung, einem der großartigsten Dokumente der Weltgeschichte:

»Life, Liberty and the Pursuit of Happiness«

Diese Worte, die Thomas Jefferson aufgrund der Schriften von John Locke verfaßte, passen gut in unsere heutige Zeit, denn man kann sie mit dem deutschen Grundgesetz oder gar der EU-Charta der Grundrechte vergleichen. Dabei freilich entsteht ein vernichtendes Bild. „Leben, Freiheit und die Suche nach Glück“ sind nämlich im amerikanischen Rechtssystem die einzigen Grundrechte. Auf Leben, Freiheit und die Suche nach Glück, hat jeder Mensch einen natürlichen Anspruch, die Suche nach Glück, nicht aber einen verbrieften Anspruch auf das Erreichen von Glück. Hier aber steckt ein tiefgreifender Unterschied zur anscheinend sehr europäischen Anspruchsmentalität.

Werfen wir nämlich einen Blick in das deutsche Grundgesetz, so finden wir eine Vielzahl von Anspruchsregeln. Schon die Grundrechte, Art. 1 bis 19 GG, verbriefen nicht (nur) das Recht auf Leben und Freiheit, sondern einen Anspruch auf Glück. Wie aber kann man den garantieren? Ähnlich ist es in der EU-Charta der Grundrechte, die in den gescheiterten EU-Verfassungsvertrag integriert worden war und auch im neuen EV-Vertrag erscheint: Neben Leben und Freiheit findet man dort ganze 54 Artikel mit einer Vielzahl von Ansprüchen des Einzelnen, die in der Summe einen Anspruch auf Glück verkörpern, darunter so entlegene Dinge wie einen Anspruch auf eine „gute Verwaltung“. Wer aber soll das alles garantieren, und wie?

Demokratischer Anspruch und politische Wirklichkeit

In dem Zusammenhang fällt auf, daß weder das Grundgesetz noch der EU-Vertrag Verfassungscharakter haben, denn das setzt voraus, daß das jeweilige Regelwerk vom Volk in seiner Eigenschaft als Volksksouverän ausgegangen ist. Dies freilich ist nicht der Fall: Im Grundgesetz steht in Art. 146 klipp und klar für alle zu lesen, daß dieses von den Alliierten Siegermächten diktierte Gesetzeswerk weder vom Deutschen Volke noch demokratisch beschlossen wurde, also keine Verfassung ist. Dieser fortwährende Zustand der nationalen Versehrtheit läßt interessante und weitreichende Schlüsse auf die Legalität und Wirksamkeit der gegenwärtigen Gesetzgebung zu, die an dieser Stelle zu diskutieren aber den gegebenen Rahmen sprengen würde. Ebenso undemokratisch wie das Grundgesetz sind aber auch die EU-Verträge in ihren diversen Versionen zustandegekommen, denn das Volk wurde nie gefragt. Als man aber 2005 in Frankreich und in den Niederlanden den Fehler machte, das Volk über die EU-Verfassung zu befragen, scheiterte diese prompt – und wird nun über die Hintertür als neuer EUdSSR-Vertrag fern von Volkes Wille in Brüssel ins Werk gesetzt. Besteht hier aber ein weiteres verborgenes Grundprinzip?

Es hat nämlich den Anschein, daß vom Volk ausgehende Regelungen, wie die US-Verfassung und die ihr vorausgehende Unabhängigkeitserklärung, in dem Sinne realistisch sind daß sie nur versprechen, was auch gehalten werden kann – nämlich Leben, Freiheit und die Suche nach Glück. Für undemokratische Systeme ist aber gerade typisch, daß eine Vielzahl von Scheinrechten aufgebaut werden, die dann aber gerade nichts bewirken – und auf diese Weise die Herrschaft der Mächtigen sichern. Das aber bringt uns zurück ins 18 Jahrhundert…

Die Boston Tea Party

Im Siebenjährigen Krieg hatten die 13 britischen Kolonien in Nordamerika, für die die 13 rot-weißen Streifen der US-Flagge bis heute stehen, ihre Interessen gegen das Mutterland und gegen Frankreich verteidigt. Nach 1763 versuchte die britische Regierung, die Kriegskosten in Gestalt von Steuern und Abgaben von den Kolonien hereinzuholen, was am 16.12.1773 zu einem Akt des zivilen Ungehorsams führte: als Indianer verkleidete Bostoner Bürger drangen in den Hafen ein und warfen die Ladungen der Schiffe der englischen East India Trading Company ins Hafenbecken, die Boston Tea Party. Dieser Akt des Widerstandes war der historische Anfangspunkt der Loslösung der britischen Kolonien, der in der Unabhängigkeitserklärung gipfelte.

Auch die Europäer sind von Steuern gedrückt, und die künstlichen Verteuerungen und Verknappungen durch Ökologismus und Klimareligion kommen verschärfend hinzu. Auch sie dienen aber nicht der Umwelt, sondern der Aufrechterhaltung politischer Macht. Sie sind ein Akt des Kolonialismus, aber nicht gegenüber einer fernen Kolonie sondern gegen das eigene Volk. Sie sind damit auch ein Rückschritt in den Feudalismus – was gut ins Bild paßt, denn die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung und die US-Verfassung sind Früchte der Aufklärung, aber die irrationale Klimareligion führt uns gerade zurück ins Mittelalter voller Teufel und Dämonen, die in „moderner“ Form der fleißig geschürten Klimakatastrophenängste wiederkehren. Wer aber in die Zeit vor der Aufklärung zurückkehrt darf sich nicht wundern, wenn er auch ein Herrschaftssystem aus dieser Zeit zurückerhält: Nie seit den Zeiten des Feudalismus hat sich die Politik so weit vom Volk entfernt wie heute. Nie seit dem Sonnenkönig war sie so realitätsfern, arrogant und aggressiv wie in Zeiten von Ökologismus und Schnüffelstaat.

Wir brauchen keinen Kriege, weder siebenjährige noch sonstwelche. Aber wir brauchen wieder eine neue Aufklärung. Die könnte zu einer guten Regierung führen, die diesen Namen auch verdient. Weder in Berlin noch in Brüssel ist derzeit aber eine „gute Regierung“ zu finden. Wir haben den Anspruch darauf nur dem Buchstaben nach, aber undemokratische Regelwerke lügen ebenso wie undemokratische Herrschaftssysteme. Nach dem Glück suchen müssen wir immer noch selbst. Jeder Anspruch auf Glück ist eine Illusion, eine Lebenslüge. Wir müssen uns immer noch selbst drum kümmern. Eine Neuauflage der Boston Tea Party wäre vielleicht ein guter Anfang. Der könnte auch in einer Verfassung münden, die diesen Namen verdient, d.h. die vom Volke ausgeht. 1989/90 war die Generalprobe, die aber nicht da geendet hatte wo man hierzulande gehofft hat, daß es hinführen würde. Ob wir freilich die Kraft für den eigentlichen Akt noch haben, muß die Zeit zeigen. Einstweilen bezweifele ich dies aber…

13.06.2008

Wo es rückwärts vorwärts geht: über Produktivität, Knappheit und Herrschaft

Wirtschaftliche Austauschprozesse in der Gesellschaft führen gleichsam durch eine „unsichtbare Hand“ (Adam Smith) zu optimaler Faktorallokation, so eine über 200 Jahre alte Basisannahme der Markttheorie. Mehr noch führt egoistisches Handeln unintendiert zu gesamtgesellschaftlichem Nutzen (Say’sches Theorem), was inhärent auch impliziert, daß eine lenkende Zentralinstanz nicht erforderlich ist. Der Staat, so die Erkenntnis der liberalen Theoretiker, stört die Marktprozesse eher als daß er sie fördert. Er führt, technisch gesagt, zu suboptimaler Faktorallokation: teure und schlechte Güter, wie zum Beispiel in den öffentlichen Zwangsversicherungen.

Mit diesen Grundgedanken könnte man friedlich eine goldene Zukunft erleben, hätte das Marktmodell nicht einen schweren Konstruktionsfehler – einen, den die schottischen Moralphilosophen des 18. Jahrhunderts, die Konflikttheoretiker des 19. Jahrhunderts und die liberalen Denker des 20. Jahrhunderts noch nicht voraussehen könnten: den Zusammenhang zwischen Produktivität, Freiheit und politischer Macht.

Produktivität ist allgemein das Verhältnis aus Faktoroutput und Faktorinput. Durch technisch-wissenschaftliche Verbesserungen der letzten Jahrhunderte können immer weniger Arbeiter und immer bessere Maschinen mit weniger Kapital, Zeit und Rohstoffen mehr und immer mehr und immer bessere Güter erzeugen. Die Produktivität korreliert daher hochgradig mit dem Bruttoinlandsprodukt, und mit der wirtschaftlichen Freiheit: kann man nämlich produktiver mehr und besser leisten, so kann man auch mehr besser leben: mehr Menschen, höherer Lebensstandard. Konnten vor wenigen Jahrhunderten nur wenige sich eine Reise nach Italien leisten (z.B. Goethes berühmter Weg ins Land, wo die Zitronen blühen), kann heute jeder Sozialhilfeempfänger den Sommer auf Mallorca verbringen. Das Taxi zum Flughafen kostet mehr als der anschließende Billigflug. So buchstabiert sich aber nicht nur wirtschaftliche-, sondern auch politische Freiheit, denn diese ist nicht nur die Freiheit des Andersdenkenden (Rosa Luxemburg), sondern auch die Freiheit der individuellen Wahlhandlungsfreiheiten. Welche viel mit Energie, Mobilität und geographischer Beweglichkeit zu tun haben.

Politische Freiheit ist damit immer auch die Abwesenheit von Armut, denn wer an Mangel leidet, kann seine Bedürfnisse nicht befriedigen. Knappheit als Grundphänomen der Wirtschaft war aber immer auch ein Herrschaftsmittel mehr oder weniger totalitärer Staaten, die ungeliebten Subjekten Güter und damit wirtschaftliche Wahlhandlungsfreiheiten als Strafe oder Unterdrückungsmaßnahme entzogen. Das Gefängnis ist nur die heftigste Form der Unfreiheit. Allgemein kann Unfreiheit aus wirtschaftlicher Sicht als hochgradige Knappheit und Freiheit als Abwesenheit von Knappheit definiert werden.

Knappheit ist aber stets auch der Grund für politische Herrschaft, denn nur wer bei einer zentralen Instanz um Erlaubnis nachfragen und um Güter betteln muß, ist beherrschbar. Die Politik zieht aus der Aufgabe der gesellschaftlichen Allokation ihre Existenzberechtigung: Bezugsscheine müssen verteilt, Rationen vergeben und Sparmaßnahmen festgesetzt werden. Wer hingegen eigene Ressourcen nutzt und niemanden fragen muß, hat eigene Wahlhandlungsfreiheiten, ist also weniger beherrschbar. Er ist frei. Die Zunahme der Produktivität hat also seit Jahrhunderten auch eine inhärente Zunahme von Freiheiten bewirkt. Und genau hier liegt ein großes Problem.

Mit dem technisch-wissenschaftlichen Fortschritt steigt die Produktivität und mit ihr sinken Knappheit und Not, denn der Mensch lernt immer besser, sich die Erde untertan zu machen, also zugleich individuelle Wahlhandlungsfreiheiten zu entwickeln. Das ist genau die Prognose der optimalen Faktorallokation, die zugleich gerade auch eine Optimierung von Freiheiten darstellt. Das aber raubt der politischen Herrschaft auf Dauer die Basis, denn plötzlich gibt es keine Bezugsscheine mehr zu verteilen und Sparmaßnahmen mehr zu verhängen. „Stell Dir vor es ist Politik und keiner geht hin“: was aber macht ein begnadeter Staatslenker, den keiner mehr braucht? Geht er in den unverdienten, gleichwohl aber goldenen Ruhestand?

Wohl kaum: er macht Krieg, oder „Umweltschutz“, denn beides verknappt und schafft neue Not. Da das traditionsreiche kriegsbasierte Herrschaftsmodell heute aber bedauerlicherweise nicht mehr richtig geht, jedenfalls nicht mehr in Europa, muß der Umweltschutz her. Dieser ist das aktuelle Herrschaftsmittel, denn die diversen Umweltschutzvorschläge greifen nicht umsonst die Energieversorgung des Landes an: Produktivität ist weitgehend eine Funktion der Energiedichte, d.h. über je mehr und je dichtere Energie eine Wirtschaft verfügt, desto produktiver ist sie, und desto freier sind die Menschen. Und desto weniger brauchen sie die politischen Parasiten. Das ist, wo die Angst ins Spiel kommt.

Angst nämlich ist ein sekundärer Herrschaftsmechanismus. Durch Angst kann man Menschen gegen ihren Willen zu einem Tun oder Unterlassen bewegen, also Macht ausüben. Das weiß schon jeder Erpresser, der die Angst seines Opfers in Geld verwandelt, doch auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene ist es nicht anders: Haben die Leute heute keine Angst mehr vor den Teufeln, den Franzosen, den Juden oder den Russen, so müssen sie tüchtig Angst vor der Klimakatastrophe haben. Alle wollen bekanntlich zurück zur Natur, aber keiner zu Fuß: macht man den Menschen glauben, der Weltuntergang stehe unmittelbar bevor, so hören sie auf, weiter nach höherer Produktivität und mehr Macht über die Natur zu streben. Produktionsfaktoren werden wieder knapper und die Herrschaft wird stabiler. Kein Wunder also, daß die United Nations den Weltuntergang jetzt auf das Jahr 2020 festgesetzt haben: wir können zwar nicht das Wetter für drei Wochen vorhersagen, aber wir wissen natürlich ganz genau, daß in 2020 die große Klimakatastrophe kommt. Nur Jehovas Zeugen sind noch besser bei solchen Untergangsprophezeiungen. Je mehr der „Klimawandel“ geglaubt wird, und je mehr Angst man davor hat, desto wirksamer lassen sich die Energieversorgung, die ihr folgende Produktivität und damit die wirtschaftlichen Freiheiten einschränken und politische Herrschaftssysteme stabilisieren. Genau das beobachten wir derzeit in der EU.

Diese will bekanntlich bis zum Jahr der Treibhauskatastrophe den Anteil „erneuerbarer“ Energien auf 20% (30%? 40%?) zwangserhöhen und zugleich aus Kohleverstromung wie aus Kernenergie aussteigen – und möglichst noch Verbrennungsmotoren gleich mitverbieten. Es ist daher unschwer zu prognostizieren, daß Heizenergie und Mobilität bald nur noch auf Rationierungsschein erhältlich sein werden, also die ökonomische Befreiung der letzten 200 Jahre in kurzer Zeit zurückgedreht werden soll. Keine Flugreisen mehr, kein Winter im warmen Süden, keine freie Fahrt für freie Bürger, keine ökonomischen Wahlhandlungsfreiheiten mehr. Wir beobachten, in einem Wort gesagt, die Rückkehr von Knappheit, Armut, Not und damit von politischer Herrschaft. Wir sind also da, wo es rückwärts vorwärts geht.

Der Umweltschutz, oder besser was man dafür hält, wird ganz offenbar das große Thema des 21. Jahrhunderts, wie der Krieg das Thema des vergangenen Jahrhunderts war. Nach dem Ende der religiösen Herrschaft des Mittelalters hatten praktisch alle Herrscher seit Napoleon sich auf Staatsterror als wesentlichen Machtmechanismus festgelegt, was in Auschwitz und Hiroshima zum schrecklichen Ende kam. Im sogenannten „Kalten Krieg“ hat man binnen nur fünfzig Jahren eingesehen, daß dieses Modell wirklich keine Zukunft hat. Jetzt wird man voraussichtlich mehr als fünfzig Jahre brauchen einzusehen, daß die Beschränkung technisch-wissenschaftlichen Fortschrittes unter ökologistischem Vorwand noch weniger Zukunft hat. Natürlich ist der Treibhauseffekt menschengemacht: er ist von den Menschen gemacht, die von ihm leben, nämlich den Politikern und den von ihnen gutbezahlten Wissenschaftlern, also den Parasiten. Brachte uns der „Kalte Krieg“ noch zum Mond, also in eine Phase technisch-wissenschaftlicher Entwicklung, die wenngleich auch kriegsgetrieben doch die Freiheiten erhöhte und das Leben verbesserte, so steht nunmehr eine Epoche der nachhaltigen Stagnation und des Rückschrittes an. Jetzt beginnt die Öko-Zeit. Die Periode, in der es rückwärts vorwärts geht. Die Rückkehr von Knappheit, Not und Armut. Die fetten Jahre, so die einfache Wahrheit, sind schon vorbei. Jedes Jahr ist jetzt ein mittleres Jahr: schlechter als das vorige, aber besser als das kommende. Jedenfalls dann, wenn wir die politische Kaste ungebremst gewähren lassen.

Jauchzet, frohlocket!

Kaum zu glauben: sogar in Europa gibt es noch Demokratie, und das an einem Freitag, dem 13. Der Vertrag, der in Europa vorbereiten sollte, was auf dem Platz des himmlischen Friedens einst schon möglich war, ist geplatzt. Die Demokratie ist doch ein seltsames Ding: da fragt man nur eine von 27 Nationen, und kriegt schon ein schallendes »NEIN«. Und das von den Iren, deren Wirtschaft von Brüssel regelrecht saniert wurde: anscheinend ist Geld eben doch nicht alles. Anscheinend sind die Iren nicht so korrupt wie die Politiker. Sie haben sich nicht kaufen lassen. Kaum auszudenken, wie eine Volksabstimmung hier in Deutschland ausgegangen wäre, oder erst in Osteuropa. Dort ist nämlich nach der Beitrittseurphorie von 2004 inzwischen die große Ernüchterung ausgebrochen.

Jetzt hat Europa endlich eine Grenze. Ein großer Tag!

Dabei hat man in Deutschland schon sorgfältige Vorbereitungen für den Ernstfall eingeleitet, die das Volk mit der bekannten Apathie nichtmal zur Kenntnis genommen hat. Wer abebr solche Gesetze hat, der plant auch den Einsatz der darin niedergelegten drastischen Zwangsmittel. Niemand setzt sowas in Kraft ohne es auch tatsächlich nutzen zu wollen. Die Absicht der Gewaltanwendung gegen das eigene Volk, die Furcht vor Aufständen und die Planung, diese unter Anwendung tödlicher Gewalt niederzuschlagen, ist im Bundesgesetzblatt ersichtlich, wo Verschwörungstheorien doch eher selten zu finden sind. Nur daß da eben keiner mehr hinguckt. Fast keiner.

Ob das Ergebnis der irischen Volksabstimmung den Mächtigen zu denken gibt, bleibt abzuwarten. Schon 2005 ist ja der erste Anlauf zu einer EU-“Verfassung“ in Frankreich und den Niederlanden gescheitert. Dort hat man diesmal das Volk gar nicht gefragt, nichtmal in Frankreich, dem angeblichen Mutterland der Demokratie. Freilich wäre Nepal ein gutes Vorbild: das nicht mit der süditalienischen Stadt zu verwechselnde Himalaya-Land hat demokratisch beschlossen, das Königtum abzuschaffen, und der König hat letzte Woche seinen Palast auch tatsächlich freiwillig verlassen. Der soll jetzt ein Museum werden. In Brüssel, dem neuen Moskau, gäbe es weiß Gott genug Platz für Museen der Diktaturen aller Zeiten und aller Länder.

29.05.2008

Demokratiedefizit: Warum Nepal für Europa gefährlich ist

Gespeichert unter: Wider den Zeitgeist — Harry Zingel @ 6:37
Tags: , , , ,

Nepal, das nicht mit der süditalienischen Stadt zu verwechselnde Himalaya-Königreich, hat letzte Woche etwas geradezu Unglaubliches geschafft: durch demokratischen Volksentscheid wurde die Monarchie abgeschafft, nach 240 Jahren. König Gyanendra hat zwei Wochen, den Palast zu räumen, der dann zu einem Museum werden soll. Was hierzulande den Nachrichtennetzwerken gerade eine Randnotiz wert war, verdient indes viel mehr Aufmerksamkeit in Europa, denn es könnte für Europas ungewählte Häupter gefährlich werden. Für Europa im allgemeinen und die Briten im besonderen.

So wundern sich Außenstehende schon lange, was die britischen Royals außer Sexaffären mit Reitlehrern und Eheanbahnungen mit Waffenhändlern für ihre Nation eigentlich leisten. Was sie kosten, ist indes präzise festzustellen, und auch auf der Insel fehlt es angeblich allenthalben an Geld. Will man also schon nicht über die Monarchie an sich nachdenken, ein Sparvorschlag wäre eine Überlegung doch wert, denkt der BWL-Bote. Der freilich keine Steuern im Vereinigten Königreich zahlt, und also doch lieber über Europa nachdenkt.

Dort hat der Bundestag gerade das EU-Ermächtigungsgesetz durchgewunken, denn nichts anderes ist die neue Version der sogenannten EU-Verfassung. Die ist zwar 2005 gescheitert, aber das interessiert Rat, Kommission und Parlament doch eher wenig. Diesmal fragt man halt weder die Franzosen noch die Niederländer, die sich 2005 noch artikulieren durften, führt dafür aber gleich die Todesstrafe ein. Tote durch „rechtmäßige Niederschlagung von Aufständen“ gab es einst auch auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Da hat Europa Krokodilstränen geweint. Jetzt machen sie dasselbe hierzulande möglich und straffrei. So habe ich mir Europa immer vorgestellt.

Niemand wohlgemerkt behauptet, daß die Demokratie eine ideale Lösung sei. Sie ist höchstens das kleinere Übel, aber das ist schon ein großer Fortschritt. Ich würde mir wünschen, daß man Rat und Kommission zwei Wochen Zeit gibt, die im Vergleich zu König Gyanendra Palast geradezu riesenhaften Herrschersitze in Brüssel und Straßburg zu räumen. Genug Platz für Museen der Diktaturen aller Zeiten hätte man dann schon. Das wäre indes eine bessere Nutzung für die verschwendeten Büroflächen. Und viel billiger zudem. Also auch ein Sparvorschlag…

Bloggen Sie auf WordPress.com.