Harry Zingel’s BWL-Weblog

03.12.2008

»Pizza Napoletana«: Der Stier hat Rinderwahn

Gespeichert unter: Wider den Zeitgeist — Harry Zingel @ 6:29
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In einem früheren Artikel an dieser Stelle haben wir die Politiker der EU als überflüssige Parasiten bezeichnet („beschimpft“). Nicht jeder Leser hat dies begrüßt, wie einige recht intensive Zuschriften vermuten lassen. Dabei gäbe es genügend Möglichkeiten, diesen Standpunkt (diese „wahrlich ungeheuerliche Verunglimpfung“) unter Beweis zu stellen. Ein einziger eher zufälliger Griff ins Amtsblatt der Europäischen Union, und schon werden wir fündig:

Die „Pizza Napoletana“, so erfahren wir im offiziellen Veröffentlichungsblatt der EU, ist „eine kreisförmige Backware mit variablem Durchmesser von höchstens 35 cm mit erhabenem Teigrand (cornicione) und mit Belag bedecktem Inneren. Das Innere ist 0,4 cm dick, wobei eine Toleranz von ±10% zulässig ist“. Wie schön. Nur was hat das im Amtsblatt der EU verloren?

Zwei italienische Pizzabäckervereinigungen, die Associazione Verace Pizza Napoletana und die Associazione Pizzaiuoli Napoletani beantragen hier eine Eintragung als „garantiert traditionelle Spezialität“ (GTS). Wer dann keine Pizza mehr zwischen 0,36 und 0,44 cm Dicke hinkriegt, darf sie nicht mehr „Napoletana“ nennen: Zahllose Pizzarestaurants müssen dann wohl ihre Speisekarten umschreiben. Und die Antragsteller meinen es ernst: weiter unten sind die Schriftarten, mit der der Pizzakarton beschriftet sein kann, und die Farben von Tomate, Mozzarella und Basilikum in CYMK-Farben (!) angegeben: Wer keine Tomaten hat mit 0% Cyan (C), 91% Magenta (M), 87% Gelb (Y) und 0% Schwarz (K), der hat keine Pizza Napoletana. Das übrigens, so erfahren wir, ist die Pantone ProSim-Farbe Nr. 032. Das Farbenmeßgerät aus dem Grafikstudio als Handwerkszeug der Pizzabäcker? Ich frage mich, ob sich die manchmal irrtümlich als Tomaten bezeichneten holländischen Wassersäcke wohl wenigstens farblich für die Pizza Napoletana qualifizieren…

Wir haben die eurosklerotischen Bürokraten als „überflüssige Parasiten“ bezeichnet, und das nachfolgende Dokument ist ein Beweis, einer von hunderten, denn das Amtsblatt wimmelt nur so von solchen Regelwerken, meist gleich in dutzenden von Sprachen:

»Pizza Napoletana«: Der Stier hat Rinderwahn

Der europäische Stier, so schließen wir, hat Rinderwahn. Er sollte also möglicherweise auch so behandelt werden, wie die EU kranke Tiere behandeln läßt, nämlich notgeschlachtet werden. Gerade jetzt, da man den neuen EU-Vertrag von Lissabon fern jeder demokratischen Willensbildung überall ratifizieren läßt, wäre eine gute Chance, sich von diesem schwachsinnigen Turbo-Bürokratismus endlich zu befreien. Das „Nein“ der Holländer und Niederländer zur EU-“Verfassung“ von 2005 wäre heute in anderen Staaten um so lauter zu hören, besonders hier in Deutschland. Da man jedoch den Deutschen seit 60 Jahren einhämmert, ihr Land (und sich selbst) zu hassen, können solche bürokratische Monster überhaupt erst entstehen.

„Der Holzofen“, so heißt es in dem blödsinnigen offiziellen Dokument, „ist ein herausragend wichtiger Faktor für das Garen und die Qualität“ der Pizza Napoletana. Ob der wohl auch mit Papier betrieben werden kann, zum Beispiel dem für Amtsblatt-Publikationen verschwendeten Papier? Das hätte dann wenigstens einen nutzbringenden Zweck… Pizza zu backen, natürlich „Pizza Napoletana“. Die mit der Tomate in Pantone ProSim 032.

13.06.2008

Wo es rückwärts vorwärts geht: über Produktivität, Knappheit und Herrschaft

Wirtschaftliche Austauschprozesse in der Gesellschaft führen gleichsam durch eine „unsichtbare Hand“ (Adam Smith) zu optimaler Faktorallokation, so eine über 200 Jahre alte Basisannahme der Markttheorie. Mehr noch führt egoistisches Handeln unintendiert zu gesamtgesellschaftlichem Nutzen (Say’sches Theorem), was inhärent auch impliziert, daß eine lenkende Zentralinstanz nicht erforderlich ist. Der Staat, so die Erkenntnis der liberalen Theoretiker, stört die Marktprozesse eher als daß er sie fördert. Er führt, technisch gesagt, zu suboptimaler Faktorallokation: teure und schlechte Güter, wie zum Beispiel in den öffentlichen Zwangsversicherungen.

Mit diesen Grundgedanken könnte man friedlich eine goldene Zukunft erleben, hätte das Marktmodell nicht einen schweren Konstruktionsfehler – einen, den die schottischen Moralphilosophen des 18. Jahrhunderts, die Konflikttheoretiker des 19. Jahrhunderts und die liberalen Denker des 20. Jahrhunderts noch nicht voraussehen könnten: den Zusammenhang zwischen Produktivität, Freiheit und politischer Macht.

Produktivität ist allgemein das Verhältnis aus Faktoroutput und Faktorinput. Durch technisch-wissenschaftliche Verbesserungen der letzten Jahrhunderte können immer weniger Arbeiter und immer bessere Maschinen mit weniger Kapital, Zeit und Rohstoffen mehr und immer mehr und immer bessere Güter erzeugen. Die Produktivität korreliert daher hochgradig mit dem Bruttoinlandsprodukt, und mit der wirtschaftlichen Freiheit: kann man nämlich produktiver mehr und besser leisten, so kann man auch mehr besser leben: mehr Menschen, höherer Lebensstandard. Konnten vor wenigen Jahrhunderten nur wenige sich eine Reise nach Italien leisten (z.B. Goethes berühmter Weg ins Land, wo die Zitronen blühen), kann heute jeder Sozialhilfeempfänger den Sommer auf Mallorca verbringen. Das Taxi zum Flughafen kostet mehr als der anschließende Billigflug. So buchstabiert sich aber nicht nur wirtschaftliche-, sondern auch politische Freiheit, denn diese ist nicht nur die Freiheit des Andersdenkenden (Rosa Luxemburg), sondern auch die Freiheit der individuellen Wahlhandlungsfreiheiten. Welche viel mit Energie, Mobilität und geographischer Beweglichkeit zu tun haben.

Politische Freiheit ist damit immer auch die Abwesenheit von Armut, denn wer an Mangel leidet, kann seine Bedürfnisse nicht befriedigen. Knappheit als Grundphänomen der Wirtschaft war aber immer auch ein Herrschaftsmittel mehr oder weniger totalitärer Staaten, die ungeliebten Subjekten Güter und damit wirtschaftliche Wahlhandlungsfreiheiten als Strafe oder Unterdrückungsmaßnahme entzogen. Das Gefängnis ist nur die heftigste Form der Unfreiheit. Allgemein kann Unfreiheit aus wirtschaftlicher Sicht als hochgradige Knappheit und Freiheit als Abwesenheit von Knappheit definiert werden.

Knappheit ist aber stets auch der Grund für politische Herrschaft, denn nur wer bei einer zentralen Instanz um Erlaubnis nachfragen und um Güter betteln muß, ist beherrschbar. Die Politik zieht aus der Aufgabe der gesellschaftlichen Allokation ihre Existenzberechtigung: Bezugsscheine müssen verteilt, Rationen vergeben und Sparmaßnahmen festgesetzt werden. Wer hingegen eigene Ressourcen nutzt und niemanden fragen muß, hat eigene Wahlhandlungsfreiheiten, ist also weniger beherrschbar. Er ist frei. Die Zunahme der Produktivität hat also seit Jahrhunderten auch eine inhärente Zunahme von Freiheiten bewirkt. Und genau hier liegt ein großes Problem.

Mit dem technisch-wissenschaftlichen Fortschritt steigt die Produktivität und mit ihr sinken Knappheit und Not, denn der Mensch lernt immer besser, sich die Erde untertan zu machen, also zugleich individuelle Wahlhandlungsfreiheiten zu entwickeln. Das ist genau die Prognose der optimalen Faktorallokation, die zugleich gerade auch eine Optimierung von Freiheiten darstellt. Das aber raubt der politischen Herrschaft auf Dauer die Basis, denn plötzlich gibt es keine Bezugsscheine mehr zu verteilen und Sparmaßnahmen mehr zu verhängen. „Stell Dir vor es ist Politik und keiner geht hin“: was aber macht ein begnadeter Staatslenker, den keiner mehr braucht? Geht er in den unverdienten, gleichwohl aber goldenen Ruhestand?

Wohl kaum: er macht Krieg, oder „Umweltschutz“, denn beides verknappt und schafft neue Not. Da das traditionsreiche kriegsbasierte Herrschaftsmodell heute aber bedauerlicherweise nicht mehr richtig geht, jedenfalls nicht mehr in Europa, muß der Umweltschutz her. Dieser ist das aktuelle Herrschaftsmittel, denn die diversen Umweltschutzvorschläge greifen nicht umsonst die Energieversorgung des Landes an: Produktivität ist weitgehend eine Funktion der Energiedichte, d.h. über je mehr und je dichtere Energie eine Wirtschaft verfügt, desto produktiver ist sie, und desto freier sind die Menschen. Und desto weniger brauchen sie die politischen Parasiten. Das ist, wo die Angst ins Spiel kommt.

Angst nämlich ist ein sekundärer Herrschaftsmechanismus. Durch Angst kann man Menschen gegen ihren Willen zu einem Tun oder Unterlassen bewegen, also Macht ausüben. Das weiß schon jeder Erpresser, der die Angst seines Opfers in Geld verwandelt, doch auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene ist es nicht anders: Haben die Leute heute keine Angst mehr vor den Teufeln, den Franzosen, den Juden oder den Russen, so müssen sie tüchtig Angst vor der Klimakatastrophe haben. Alle wollen bekanntlich zurück zur Natur, aber keiner zu Fuß: macht man den Menschen glauben, der Weltuntergang stehe unmittelbar bevor, so hören sie auf, weiter nach höherer Produktivität und mehr Macht über die Natur zu streben. Produktionsfaktoren werden wieder knapper und die Herrschaft wird stabiler. Kein Wunder also, daß die United Nations den Weltuntergang jetzt auf das Jahr 2020 festgesetzt haben: wir können zwar nicht das Wetter für drei Wochen vorhersagen, aber wir wissen natürlich ganz genau, daß in 2020 die große Klimakatastrophe kommt. Nur Jehovas Zeugen sind noch besser bei solchen Untergangsprophezeiungen. Je mehr der „Klimawandel“ geglaubt wird, und je mehr Angst man davor hat, desto wirksamer lassen sich die Energieversorgung, die ihr folgende Produktivität und damit die wirtschaftlichen Freiheiten einschränken und politische Herrschaftssysteme stabilisieren. Genau das beobachten wir derzeit in der EU.

Diese will bekanntlich bis zum Jahr der Treibhauskatastrophe den Anteil „erneuerbarer“ Energien auf 20% (30%? 40%?) zwangserhöhen und zugleich aus Kohleverstromung wie aus Kernenergie aussteigen – und möglichst noch Verbrennungsmotoren gleich mitverbieten. Es ist daher unschwer zu prognostizieren, daß Heizenergie und Mobilität bald nur noch auf Rationierungsschein erhältlich sein werden, also die ökonomische Befreiung der letzten 200 Jahre in kurzer Zeit zurückgedreht werden soll. Keine Flugreisen mehr, kein Winter im warmen Süden, keine freie Fahrt für freie Bürger, keine ökonomischen Wahlhandlungsfreiheiten mehr. Wir beobachten, in einem Wort gesagt, die Rückkehr von Knappheit, Armut, Not und damit von politischer Herrschaft. Wir sind also da, wo es rückwärts vorwärts geht.

Der Umweltschutz, oder besser was man dafür hält, wird ganz offenbar das große Thema des 21. Jahrhunderts, wie der Krieg das Thema des vergangenen Jahrhunderts war. Nach dem Ende der religiösen Herrschaft des Mittelalters hatten praktisch alle Herrscher seit Napoleon sich auf Staatsterror als wesentlichen Machtmechanismus festgelegt, was in Auschwitz und Hiroshima zum schrecklichen Ende kam. Im sogenannten „Kalten Krieg“ hat man binnen nur fünfzig Jahren eingesehen, daß dieses Modell wirklich keine Zukunft hat. Jetzt wird man voraussichtlich mehr als fünfzig Jahre brauchen einzusehen, daß die Beschränkung technisch-wissenschaftlichen Fortschrittes unter ökologistischem Vorwand noch weniger Zukunft hat. Natürlich ist der Treibhauseffekt menschengemacht: er ist von den Menschen gemacht, die von ihm leben, nämlich den Politikern und den von ihnen gutbezahlten Wissenschaftlern, also den Parasiten. Brachte uns der „Kalte Krieg“ noch zum Mond, also in eine Phase technisch-wissenschaftlicher Entwicklung, die wenngleich auch kriegsgetrieben doch die Freiheiten erhöhte und das Leben verbesserte, so steht nunmehr eine Epoche der nachhaltigen Stagnation und des Rückschrittes an. Jetzt beginnt die Öko-Zeit. Die Periode, in der es rückwärts vorwärts geht. Die Rückkehr von Knappheit, Not und Armut. Die fetten Jahre, so die einfache Wahrheit, sind schon vorbei. Jedes Jahr ist jetzt ein mittleres Jahr: schlechter als das vorige, aber besser als das kommende. Jedenfalls dann, wenn wir die politische Kaste ungebremst gewähren lassen.

Jauchzet, frohlocket!

Kaum zu glauben: sogar in Europa gibt es noch Demokratie, und das an einem Freitag, dem 13. Der Vertrag, der in Europa vorbereiten sollte, was auf dem Platz des himmlischen Friedens einst schon möglich war, ist geplatzt. Die Demokratie ist doch ein seltsames Ding: da fragt man nur eine von 27 Nationen, und kriegt schon ein schallendes »NEIN«. Und das von den Iren, deren Wirtschaft von Brüssel regelrecht saniert wurde: anscheinend ist Geld eben doch nicht alles. Anscheinend sind die Iren nicht so korrupt wie die Politiker. Sie haben sich nicht kaufen lassen. Kaum auszudenken, wie eine Volksabstimmung hier in Deutschland ausgegangen wäre, oder erst in Osteuropa. Dort ist nämlich nach der Beitrittseurphorie von 2004 inzwischen die große Ernüchterung ausgebrochen.

Jetzt hat Europa endlich eine Grenze. Ein großer Tag!

Dabei hat man in Deutschland schon sorgfältige Vorbereitungen für den Ernstfall eingeleitet, die das Volk mit der bekannten Apathie nichtmal zur Kenntnis genommen hat. Wer abebr solche Gesetze hat, der plant auch den Einsatz der darin niedergelegten drastischen Zwangsmittel. Niemand setzt sowas in Kraft ohne es auch tatsächlich nutzen zu wollen. Die Absicht der Gewaltanwendung gegen das eigene Volk, die Furcht vor Aufständen und die Planung, diese unter Anwendung tödlicher Gewalt niederzuschlagen, ist im Bundesgesetzblatt ersichtlich, wo Verschwörungstheorien doch eher selten zu finden sind. Nur daß da eben keiner mehr hinguckt. Fast keiner.

Ob das Ergebnis der irischen Volksabstimmung den Mächtigen zu denken gibt, bleibt abzuwarten. Schon 2005 ist ja der erste Anlauf zu einer EU-“Verfassung“ in Frankreich und den Niederlanden gescheitert. Dort hat man diesmal das Volk gar nicht gefragt, nichtmal in Frankreich, dem angeblichen Mutterland der Demokratie. Freilich wäre Nepal ein gutes Vorbild: das nicht mit der süditalienischen Stadt zu verwechselnde Himalaya-Land hat demokratisch beschlossen, das Königtum abzuschaffen, und der König hat letzte Woche seinen Palast auch tatsächlich freiwillig verlassen. Der soll jetzt ein Museum werden. In Brüssel, dem neuen Moskau, gäbe es weiß Gott genug Platz für Museen der Diktaturen aller Zeiten und aller Länder.

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