Harry Zingel’s BWL-Weblog

21.06.2008

Latein in der Schule: vom modernen Nutzen einer alten Sprache

Gespeichert unter: Aus- und Fortbildung — Harry Zingel @ 9:43
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Mit Überraschung habe ich die heftigen Diskussionen zur Kenntnis genommen, die sich um meine Forderung nach mandatorischem Lateinunterricht aus dem ordoliberalen Manifest entwickelt hat. Während etwa mein Postulat, der Staat solle nur ein Nachtwächter sein, sonst viel eher intensive ideologische Auseinandersetzungen produziert, erregte der Laterinunterricht diesmal viel größeren Widerspruch. Aber weshalb?

Transeamus usque Bethlehem…

weiß das Weihnachtslied, lasset und hinübergehen nach Bethlehem, um dort nämlich das geborene Jesuskund zu bewundern. Als conjunctivus adhortativus deutet „transeamus“ eine Aufforderung an, und der Lateiner kennt natürlich die Infinitivform, transire, hinübergehen (aus trans-, „hinüber“, und „ire“, gehen), und das ist, wo das Jesuskind mit der Elektronik und auch der Betriebswirtschaft zu tun kriegt, denn der Transistor ist ein Teil, in dem Elektronen von der P-Schicht in die N-Schicht wechseln (oder eben auch nicht), und transistorische Posten sind solche, in denen Zahlungen vor dem Abschlußstichtag in Aufwendungen oder Erträge nach diesem Tag hinübergehen, und das ist der Regelungsgehalt von §250 HGB, ein Rechnungsabgrenzungsposten also. So hilft das alte Latein, ganz moderne technische oder kaufmännische Zusammenhänge intuitiv zu verstehen.

Keine tote Sprache

Das Beispiel demonstriert, weshalb Latein eben nicht so tot ist, wie immer behauptet, denn es steckt in einer Menge Fremdworte, ist also gleichsam eine indirekt lebende Sprache. Wer Latein beherrscht, braucht daher in aller Regel kein Fremdwörterbuch mehr, weil er nahezu alle gebräuchlichen Fremdwörter aufgrund ihrer lateinischen Wurzel versteht.

Auch für moderne Fremdsprachen nützlich

Das gilt insbesondere auch beim Lernen moderner Fremdsprachen, und nicht nur der romanischen Sprachen (Italienisch, Französisch, Spanisch aber auch Rumänisch), sondern genauso Englisch: überall, wo einst die Römer herrschten, hinterließen sie auch sprachliche Spuren, die sich in einer Unzahl eigentlich lateinischer Worte auch in Englisch niederschlagen. So verstehe ich zwar kein Wort französisch, weil ich mit deren Aussprache nicht klarkomme, kann aber relativ problemlos französische Zeitungen mindestens verstehen, weil so viel im Französischen lateinischen Ursprungs ist, und mit italienisch ist es nicht anders.

Moderne Wissenschaftsterminologie

In der Sprache der Wissenschaftler, gleich welcher Muttersprache sie sind, gilt das noch viel mehr, denn eine Menge der wohlklingenden Begriffe, mit denen Wissenschaftler Unwissende von ihrem Fach fernhalten wollen, sind oft lateinischen Ursprunges. So ist eine Erklärung der Wirklichkeit bei den Soziologen eine Realexplikation, ein Begriff, den der Unkundige erst nachschlagen muß, den der Lateiner aber sofort versteht. Der Zugang zu wissenschaftlicher Literatur erschließt sich dem Altsprachler also viel leichter, oder das Lernen ist produktiver, weil einmal Gelerntes in vielen Zusammenhängen nützlich ist.

Ein böser Verdacht

Das alles bringt mich zu einem Verdacht, der dem derzeitigen Schulsystem dieses Landes wenig schmeichelt, sollte er sich bewahrheiten. Denn unser Transeamus-Beispiel hat gezeigt, daß Latein nur dem hilft, der Transferfähigkeit besitzt, der also, wie im Beispiel gezeigt, die Brücke vom Weihnachtslied zur Elektronik oder Betriebswirtschaft schlagen kann. Sprachen werden seit den 70er Jahren aber selbst im Erwachsenenunterricht immer mehr induktiv und immer weniger deduktiv gelehrt, also durch Nachsprechen und Auswendiglernen statt durch Lernen und Einüben der Grammatik und Vokabeln und durch Erkennen und Verstehen von Ähnlichkeiten. Manche Sprachlehrer versuchen gar ganz auf Grammatik zu verzichten, und erst Recht auf Herkunftslehre: „Transistor“ und „transistorisch“ erscheinen im Geist des Lernenden dann als selbständige Einheiten, und nicht mehr als zwei Erscheinungsformen derselben, nur einmal zu lernenden Grundtatsache („transire“).

Fundamentale Defizite

Es wundert nicht, daß daher auch immer mehr Lernende nicht mehr fähig sind zu erkennen, daß ein Ergebnis von 20% in einer Rechnung und 1,2 in einer Anderen in ihrer Funktion dasselbe sein könnten, nämlich Kalkulationsfaktor und Zuschlag, beide geeignet zur Vollkostenrechnung: es wird nur noch auswendig gelernt, nicht mehr verstanden. Während die Induktivmethode für den Sprachunterricht bei Jugendlichen oder Erwachsenen nämlich untauglich ist, und das Erlernen einer Fremdsprache erheblich erschwert, dient sie im theoretischen Unterricht dem Fördern des Erkennens von Zusammenhängen, dient also dazu, Erkennen und Fähigkeiten aus grundlegendem Wissen auszubilden. Auch wenn also solche Zahlenbeispiele mit Latein nichts zu tun haben, so würde ein im Kindesalter begonnener grundlegender Lateinunterricht, gefolgt von deduktiver Vermittlung moderner Sprachen wie Englisch oder Französisch, doch das diesbezügliche Denkvermögen massiv fördern – und zwar auch in ganz anderen Bereichen. Latein ist damit eine Art studium generale fürs Leben, denn vitae sed scholae discimus, nicht für die Schule sondern fürs Leben lernen wir. Es erhebt sich die Frage, weshalb man dieser an sich simplen Einsicht nicht folgt und immer mehr für die Katz lernt?

Verdeckte Absicht

Konnte man die gleichmacherischen Gesamtschulexperimente der Sozialdemokraten vor 30 Jahren („Mengenlehre“ statt Einmaleins) noch dem Versuch einer Kulturrevolution im damaligen Westen zuordnen, so sollte man überlegen, wer heute von solchen Zuständen profitiert. Und hier drängt sich der Verdacht auf, daß ein nicht mehr selbst denkender Bürger dem Politiker durch weniger Kritik und mehr Ruhe entgegenkommt. Auch politische Zusammenhänge können nämlich verdeckt sein, beispielsweise der zwischen Klimahysterie und Finanzwirtschaft. Je weniger hier mitgedacht wird, desto mehr Macht können die Politiker ausüben und desto weniger Widerstand haben sie zu erwarten. Kein Wunder also, daß von Bildung nur schwadroniert wird, dafür aber auf Euro komm raus gekürzt und gekappt wird. Ruhe ist erste Bürgerpflicht, und die Umgestaltung des Bildungswesens soll dies befördern – im Untertanenstaat, heute wie einst im alten Preußen, nunc et sempre…

14.06.2008

Wissen, Können und Erkennen, oder von der Treppe, die zum Prüfungserfolg führt

Immer wieder haben wir uns im BWL-Boten darüber ausgelassen („selbstverherrlicht„), daß es zum Erfolg keinen Lift gebe, sondern immer die Treppe benutzt werden müsse. Grundlage all dieser Überlegungen ist meist mein Lehrkonzept, in dem Wissen, Können und Erkennen als die drei grundlegenden Ebenen des Lernens dargestellt wurden. Wie aber manifestiert sich das in einer Prüfungsfrage?

Wissen

Die Wissensfrage prüft Kenntnisse, also inwieweit ein Prüfungsteilnehmer über Einblick, Überblick, Kenntnis oder Vertrautheit mit dem Prüfungsgegenstand verfügt. Die Wissensfrage ist damit häufig reproduktiv. Sie setzt, falls Einblick oder Überblick ausreichen, Auswendiglernen voraus. Das ist in juristischen Prüfungen besonders häufig, denn Rechtswissenschaftler müssen eine große Vorschriften- und Rechtsprechungskenntnis besitzen – und wagen oft keine eigenen Interpretationen, denn diesen könnte in Zukunft von einem Gericht widersprochen werden, was die mühsam erstellte Prüfung ad absurdum führten würde. Im Bereich der allgemeinen BWL sind eher Fragen wie „Was bedeuten diese Abkürzungen?“ oder „Nennen Sie die an einem Akkreditiv Beteiligten“ solche Fälle. Fragt ein Aufgabenpoet nach den drei Methoden, etwas zu tun, oder nach den vier Arten von etwas, dann gehört die Wissensfrage eindeutig ins Gruselkabinett der unfairen Prüfungsfragen, wenn die drei Methoden oder die vier Arten nur in einem zugrundeliegendsen Leerbrief oder Skript so eingeteilt werden und nicht universell gültig oder gesetzlich so strukturiert sind. Dieses Problem ist leider häufig.

Können

Können ist die Fähigkeit, Wissen anzuwenden. Das ist in Prüfungen heftiger und meist ein Rechenverfahren. Man kann beispielsweise die Methoden nach IAS 2.25 bzw. den §§240 Abs. 4 und 256 HGB kennen (also über Wissen verfügen), aber dies zu auch an konkreten Zahlen zu rechnen, prüft das Können des Prüfungsteilnehmers. Können erwirbt man nur durch Übung der Anwendung von Wissen. Wichtig ist hierbei, daß in dem Übungsmaterial Lernschritte sorgfältig geplant und vom Aufgabenersteller möglichst wenig Fehler gemacht werden. Auch sollte die Unterscheidung zwischen Wissen und Können klar sein – dem Fragesteller.

Erkennen

Erkennen ist die Basis für die selbständige Erweiterung von Wissen und Können. Durch Erkennen kann ein aus einer bestimmten Situation bekanntes Problem auf eine neue Sachlage angewandt werden. Wer über Erkennen verfügt ist daher in der Lage, neue, Kreative Lösungen für bislang noch nie erlebte Situationen zu finden und anzuwenden. Man spricht daher auch von Transferwissen. Dies vermittelt nicht nur einen Wettbewerbsvorteil, sondern auch die Wahrheit hinter den Lügen der Politiker, weshalb das Erkennen entgegen manch offizieller Lippenbekundung nicht sehr beliebt ist, denn es schwächt strukturelle Macht. Im Bereich von Prüfungen sind Erkennensfragen solche, die scheinbar unlösbare Probleme präsentieren, bei denen Standardlösungsansätze versagen. Solche Fragen sind meist echte Knallschoten und daher zu Recht gefürchtet. Wir haben deshalb an dieser Stelle immer wieder versucht, die Prüfungskandidaten auf solche Anforderungen vorzubereiten, aber die Phantasie der Prüfungslyriker ist nicht zu unterschätzen. Sie sind aber nicht nur eine Gefahr, denn man kann an ihnen scheitern, sondern auch eine Chance, denn man kann an ihnen auch wachsen. Was uns zum Zweck des ganzen Gesellschaftsspieles bringt…

Vom Zweck der Prüfung

Prüfungen hätten am Abend zuvor ihren Zweck bereits erfüllt – sagt man. Das freilich gilt nur, wenn die, die Prüfungen erstellen („Prüfungslyriker“, „Aufgabenpoeten“), mit einer sorgfältig ausgewogenen Mischung von Wissens-, Könnens- und Erkennensfragen und einer wohlgesetzten Reihenfolge von anfänglichen Erfolgserlebnissen und über die Dauer des Lehrganges und die Zeit der Prüfung zunehmendem Schwierigkeitsgrad für entsprechend Herausforderung aber eben auch für sicht- und fühlbaren Erfolg gesorgt haben. Bei den Industrie- und Handelskammern („Kämmerlingen“) bahnt sich ganz offenbar eine entsprechende Verbesserung an. Das gilt selbst für Detailprobleme. Mal sehen, ob andere Bildungsveranstalter mitziehen – oder ob dies den Markt tüchtig aufmischt. Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft – auch im erstarrten und verkrusteten Bildungsbereich!

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