Harry Zingel’s BWL-Weblog

06.07.2008

Geprüfter Betriebswirt: Überraschungen im Fach »Außenwirtschaft«

Nachdem die Prüfungen nach dem neuen Rahmenstoffplan jetzt schon mehrfach stattgefunden haben, machen wir uns Gedanken über das Fach „Außenwirtschaft“. Dieses hat eine tiefgreifende Runderneuerung erfahren – und wurde um einige Überraschungen erweitert.

Damit meine ich weniger Kapitel 5.1 des neuen Rahmenstoffplanes, wo Dozenten und Teilnehmer sich jetzt auch über weltwirtschaftliche Grundlagen, Globalisierung und Internationalisierung verständigen müssen – zweifellos eine zeitgemäße Neuerung. Auch 5.2 mit den diversen Arten außenwirtschaftlicher Engagements ist nicht wirklich neu, genau wie 5.3, wo es um außenwirtschaftlichen Zahlungsverkehr geht. Akkreditive und der Rest bleiben uns also erhalten. Die Überraschungen finden sich erst in Kapitel 5.4, und auch da nicht gleich am Anfang.

Dort geht es nämlich erstmal um außenwirtschaftliche Risiken, Versand- und Lagerdokumente und dergleichen mehr. Das kennen wir aus der vorherigen Version, genau wie die Incoterms (Punkt 5.4.5), die schon immer ein Lieblingsthema waren. 5.4.6 ist dafür aber völlig neu: „Kulturelle Unterschiede im internationalen Geschäft“ steht da zu lesen. Das allerdings ist in dieser ausgesprochenen Form vollkommen neu.

In der rechten Spalte des Stoffplanes finden sich Hinweise zur Vermittlung, die die Dozenten ausführlich studieren sollten. „Elemente von Kultur“ steht da zu lesen und „Sprache, Religion, kulturelle Werte, Sitten, Gebräuche“ als Hinweise. Das setzt sich auf der Folgeseite des offiziellen Rahmenstoffplanes fort: „Interkulturelle Kommunikation“, „Internationale Verhandlungen“ und „Ausgewählte Landeskulturen“ stehen dort in der Themenangabe, „z.B. aus Europa, Amerika, Asien, Fernost“. Dies allerdings ist wirklich eine Überraschung. Und in „Internationale Dimensionen zur Beschreibung von Kulturen“ finden sich Hinweise wie „Individualismus-Index“, „Machtverteilung“, „Männlichkeit vs. Weiblichkeit“ usw. Der neue Betriebswirte-Lehrgang verspricht also, noch interessanter zu werden.

Während wir ein bißchen Multikulti durchaus begrüßen, macht sich hier doch Ratlosigkeit breit. Und das hat eher ganz praktische Gründe, denn viele Betriebswirte haben von Kulturtheorie keine Ahnung: Die Platitüden, die beispielsweise in Kotler/Bliemel, „Marketing Management“ stehen wie daß McDonalds in Japan mit dem weiß geschminkten Werbeclown „Ronnie McDonalds“ durchgefallen ist, weil weiß dort die Farbe des Todes ist, treffen sicher das Thema, dürften aber zu dünn sein. Und kiloschwere Grundlagenwerke wie Spengler („Der Untergang des Abendlandes“), Sedlmayr („Verlust der Mitte“) und Huntington („Clash of Civilizations“) dürften für viele Teilnehmer zu gewichtig sein – und sind doch erst der Anfang. So enthält beispielsweise der Heilige Qur’an eine Vielzahl von Vorschriften für Kaufleute, denn Muhammad, Friede sei mit ihm, war bekanntlich selbst ein Fernhändler. Niemand kann also islamische Länder verstehen, und mit Muslimen Geschäfte machen, der nicht die Regeln und Gesetze des Qur’an wenigstens in Ansätzen kennt. Punkt 5.4.6 impliziert damit indirekt ein Studium u.a. der Suren II.245, LVII.11 und 18 sowie LVIV.17 und LXXIII.20 des Heiligen Qur’an über Kredite und Darlehen. Ähnliches gilt für Indien, wo der Hinduismus bekanntlich den Alltag prägt, aber die Heiligen Texte sind ungleich umfangreicher – und von China und seiner wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung fangen wir mal gar nicht erst an.

Ganz gewiß ist diese neue Facette eine Bereicherung des Themenplanes. Sie wertet den Betriebswirte-Abschluß auf – jedenfalls potentiell, nämlich wenn dieser Teil des Rahmenstoffplanes mit Leben gefüllt wird. Ob das freilich gelingt, bleibt abzuwarten – wobei auf die ersten Prüfungsfragen aus diesem Bereich wohl mit besonderer Ungeduld gewartet werden wird. Mit fällt jedenfalls genug zum Thema ein, wie jeder ahnt, der sich meine private Homepage anschaut (oder mich persönlich kennt). Hinsichtlich des Finales bin ich aber ebenso unsicher wie alle anderen Dozenten.

Vgl. hierzu auch im BWL-Boten: Prüfungsrelevant: Grundmodell der Zollrechnung. Mit Beispiel.

28.06.2008

Industrie- und Handelskammer: Marketing ist nicht alles…

Betriebswirte gibt es viele, Betriebswirte-Lehrgänge auch. Sie werden von Universitäten, Fachhochschulen und privaten Bildungsfirmen angeboten, und von den Industrie- und Handelskammern. Deren Abschlüsse wie „Geprüfter Betriebswirt“ oder „Geprüfter Technischer Betriebswirt“ sind jedoch auffällig unbekannt. Personaler kennen oft nichtmal die Bezeichnung, sehr zur Verzweiflung der Absolventen. Was läuft hier schief?

So kann man im Forum für Betriebswirtschaft immer wieder Diskussionen über Wert und Anerkennung der hart erarbeiteten IHK-Zertifikate verfolgen, denn die Prüfungen sind seit der Einführung der neuen Prüfungsordnungen nicht eben leichter geworden. Und auch in ihrer Frühgeschichte haben die Kammerklausuren einen ständigen Anstieg des Härtegrades zu verzeichnen, wie ich versichern kann: ich bin nämlich schon seit 1991 IHK-Auftragnehmer. Ich habe also schon mehr Prüfungen gesehen als mancher Kämmerling selbst.

Ganz offensichtlich versuchen die Kammern, durch schwerere Prüfungen ihre Abschlüsse aufzuwerten. Auch wenn dabei anscheinend inzwischen eine Grenze erreicht wird so begrüßen wir diese Entwicklung doch dem Grunde nach, und begleiten die Aufgabenausschüsse und Textbandautoren zu ihrer Verzweiflung an dieser Stelle immer wieder mit kritischen Berichten zu Fehlern und Unzulänglichkeiten und Prüfungen und Lehrmaterialien. Daß diese Verbesserungswürdig sind heißt aber nicht, daß sie dem Grunde nach schlecht seien. Die kognitive Leistung, die durch eine Prüfung wie „Rechnungswesen“ oder „Finanzierung, Investition, Steuern“ (Geprüfter Technischer Betriebswirt) unter Beweis gestellt wird, ist ganz erheblich. Warum kommen die Kammerabschlüsse dann doch nicht in der Wirtschaft an?

Marketing, wir wissen es, ist nicht alles, aber ohne Marketing ist alles nichts: Das ist etwas, was die Kämmerlinge noch immer nicht gelernt haben. Wer für seine Leistung keine Marktkommunikation betreibt, der wird nicht wahrgenommen – jedenfalls in einem von Universitäten, Fachhochschulen und bisweilen auch recht guten Bildungsfirmen übersättigten Markt. Dabei haben die Kammern als neutrale Institutionen mit großer Wirtschaftsnähe eigentlich eine ideale Ausgangsposition: in keiner Hochschule, und erst Recht in keiner Bildungsfirma, habe ich den Zoll, die Außenwirtschaft und möglichst sogar noch die Bilanzkontrollstelle direkt im gleichen Hause, leichter kann die realitätsnahe Gestaltung einer Lehrveranstaltung kaum gemacht werden. Dennoch kommen die Kammern nicht rüber. Das ist schade, erfordert aber eine Restrukturierung.

Mag die Kammer anderswo hoheitliche Aufgaben wahrnehmen, im Bildungsbereich ist sie kein Parafiskus. Kammerlehrgänge sind individuell (und nicht aus Beiträgen) finanziert. Sie sind keine Sozialleistung (und schon gar kein Almosen). Die Kammer konkurriert hier mit der privaten Wirtschaft und einer zusehends vielfältigen Lernökologie. Sich dort erfolgreich zu verkaufen erfordert mehr als Flyer und Programmhefte zu drucken. Strategische Bündnisse mit anderen Anbietern, Kooperationen mit Arbeitgebern und die Ausnutzung der kammertypischen Nähe zur lokalen Politik und den kommunalen Honoratioren wären ein Anfang. Den sehe ich vielfach hier in Erfurt, kaum aber in anderen Städten.

Während mir die Hersteller von Damenbinden und Ohrenstäbchen den Gebrauch ihrer Erzeugnisse recht anschaulich während des Abendessens im Fernsehen demonstrieren, sucht man Kammerinserate oder IHK-Werbespots noch immer vergeblich. Selbst eine PR-Kampagne, die Vorurteile wie die Lehrgänge seien steuerfinanziert oder sie wären grundsätzlich wertlos abzubauen helfen, habe ich noch nicht erlebt. Das frustriert als Dozent genau wie als Prüfer. In der Wirtschaft ist „IHK-Niveau“ oft fast ein Schimpfwort, gleichwohl aber nur von denen zu hören, die es nicht selbst probiert haben.

Es bleibt der Schluß, daß man sich bei den Industrie- und Handelskammern noch immer vielerorts am Behördenbetrieb orientiert anstatt an den Prinzipien der Dienstleistungswirtschaft. Kein Wunder daß viele Menschen die Kammern als Gegner wahrnehmen, gleich nach Stadtverwaltung und Finanzamt. Das aber ist wirklich ein Konzept aus dem vorigen Jahrhundert. Ein wenig mehr Innovation und viel mehr öffentliche Kommunikation wäre wünschenswert. Nicht nur von den Dozenten, auch von den Absolventen. Bisher bieten die Kammern eigentlich eine ganz gute Leistung, aber sie können sie nicht verkaufen. Sie können überhaupt nichts verkaufen, doch das Bildungswesen ist keine Armuts- und Verteilungsgesellschaft mehr. Ein Wandel geht vor zwischen IP-Adressen und Internet-Domains, den man auf Kammerfluren noch nicht immer wahrgenommen hat. Das aber wäre höchste Eisenbahn, will die Kammer als Bildungsdienstleister bestehen.

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